
Wie der Leidl-Mausi in den Bach gefallen ist
Liebeserklärung an eine Sackgasse
Natürlich kann ich nicht alle ausreichend gut oder zutreffend beschreiben, denn die meisten kannte ich fast nur von meinem täglichen Schulweg, den ich auch samstagmorgens leidvoll und düster quer durch die kleine Stadt unternahm und mittags fröhlich und mit wehenden, zerrauften Kleidern wieder zurücklief. Man möge mir deshalb die eine oder andere Ungereimtheit oder falsch verstandene Erinnerung verzeihen. Gerade mit den geografischen Zuordnungen der einzelnen Personen bin ich mir so gar nicht sicher. Wir Kinder versuchten damals, die Herkunft unserer Nachbarn nach dem entsprechenden Dialekt zu ermitteln. Wobei ich keine Ahnung hatte, welcher Dialekt in den Masuren gesprochen wurde oder in Danzig. Hätte ich ihn überhaupt verstanden?
Biegt man von der Glonner Straße in unsere Sackgasse ein, so grenzen an die linke Seite das Hirschläger-Haus und rechts das von uns so benannte Günther-Haus. Nie habe ich heraus-bekommen, wie viele Menschen denn nun wirklich in diesem Haus wohnten. Mir kam es bienenstockartig vor, auch verstand ich die Sprache seiner Bewohner nur unvollständig und deren Kultur blieb mir immer ein wenig fremd. Jeder schien mit jedem irgendwie verwandt oder verschwägert zu sein. Diese Leute suchten nicht, so wie wir, Abstand zu den Verwandten. Nein, sie blieben sich nahe und im Zentrum des Bienenstocks lag eine uralte Frau in einem Bett, die von uns allen nur die „Mudda“ genannt wurde. Wäre sie weniger schmächtig gewesen, sie wäre wohl die Bienenkönigin in diesem Haus gewesen. Es war ein ständiges Rufen, dauernd kam jemand aus dieser großen Sippe in das Zimmer, fragte was, brachte was, holte was oder schüttelte das Kissen der alten Frau aus. Und Mudda mitten drin. Keiner in dem Haus dachte auch nur daran, die alte Frau in Ruhe zu lassen, das Schlafzimmer der alten Frau zu einer Totenkammer zu machen. Für uns Kinder war es eher der lebendigste Raum in dem ganzen verwinkelten Haus. Und die Mudda genoss es. Wenn sie müde war, schlief sie einfach ein und ließ den Lärm Lärm sein. Wir besuchten diese zarte Frau, die da so klein und mager in ihrem weißen Bett lag und erzählten ihr, während sie sich aufrichtete, von unseren Fußballspielen, von den Raufereien und von der Schule und vom Schwarzfischen. Die dunklen, tiefen Augen der alten Frau begannen zu leuchten und auf dem von unzähligen Falten überzogenen Gesicht erstrahlte ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang. Das lange weiße Haar schlängelte sich in einem Bündel an ihrem Hals entlang, ergoss sich über Brust und Bauch und verschwand dann unter dem Betttuch. Wir konnten nur ahnen, wie lang die Haare der Mudda wirklich waren. Natürlich freute sie sich über die Bande Rabauken, die wie ein frischer Wind durch ihr Krankenzimmer fuhr, und die Mudda geizte nicht mit Süßigkeiten. Immer wies sie ein Mitglied der Familie an, uns reichlich zu belohnen. Ich weiß nicht, wann die Bienenkönigin gestorben ist, aber über eines bin ich mir sicher: Sie und meine Großmutter verstehen sich sicher bestens, dort, wo die beiden jetzt sind.
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| Veröffentlichung: | 01.04.2018 |
| Seiten | 176 |
| Art des Mediums | Buch [Taschenbuch] |
| Preis DE | EUR 9.95 |
| Preis AT | EUR 9.95 |
| Auflage | 1. Auflage |
| Reihe | Grafing, die Romane 2 |
| ISBN-13 | 978-3-981-47195-3 |
| ISBN-10 | 3981471954 |
Über den Autor
Werner Kafka (* 29. Juni 1955 in Öxing, ist Fotograf, Lehrer der Fotografie, Journalist und Buchautor. Mehr als 30 Titel zu unterschiedlichen Themen wurden bisher von ihm veröffentlicht. Sein hauptsächliches Interesse gilt der Reisefotografie und den Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet. Noch während seines Studiums wurde der junge Fotograf von der damals größten japanischen Agentur unter Vertrag genommen und arbeitete mehr als ein Jahrzehnt für dieses Unternehmen in Tokio. Seit dieser Zeit gibt es zahlreiche Veröffentlichungen seiner Bilder. 1995 kaufte das Frankfurter Unternehmen Boeder AG über tausend Bilder von Werner Kafka und veröffentlichte diese als erstes deutsches Unternehmen auf CDROM. Für verschiedene Bilder aus dieser Reihe erhielt Werner Kafka mehrere Preise und Auszeichnungen. Zu dieser Zeit fotografierte er auch für das private Fernsehen und bediente diverse Zeitschriften mit seinen Bildern. Ende der 90er Jahre begann er, die Reportagen zu seinen Bildern selbst zu schreiben. Es folgten Glossen, Kunstkritiken, Erzählungen und in großer Zahl Reden und Vorträge, die er für bekannte Persönlichkeiten schrieb. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Ghostwriter gab er damals als Beruf "Lohnschreiber" an. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman. Sein bekanntester Titel ist der Roman ÖXING, der im Jahr 2015 erschienen ist.
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