Titel: Stolz, Vorurteil & Hexerei
„Stolz, Vorurteil & Hexerei" von Melinda Taub – eine Neuerzählung von Jane Austens Klassiker - erschien am 12. September dieses Jahres im Hobbit Presse Klett-Cotta Verlag und überzeugt bereits äußerlich: Das hochwertige Hardcover besticht durch ein elegantes Cover mit Goldfolierung und magischen Symbolen, einem filigranen Rundum-Farbschnitt sowie einem Lesebändchen – auch Vor- und Nachsatz sind liebevoll gestaltet. Eine Triggerwarnung sucht man dagegen vergeblich, wobei angemerkt sei, dass das Buch in Ansätzen auch Themen wie Sklavenhandel und Rassismus behandelt, die einige Leserinnen als belastend empfinden könnten.
Melinda Taub erzählt “Stolz und Vorurteil” diesmal aus der Perspektive der jüngsten Bennet-Tochter Lydia, die in dieser Version über magische Kräfte verfügt. Lydia bricht dabei regelmäßig die vierte Wand, indem sie das Publikum direkt anspricht und dabei ganz selbstverständlich von einer weiblichen Leserschaft ausgeht – ein Stilmittel, das gleich zu Beginn für Schmunzeln sorgt. Ihre Erzählung liest sich wie ein Tagebuch, inklusive Bemerkungen wie „Wo war ich stehen geblieben?" oder Kapitelüberschriften wie „Weiß Gott wievieltes Kapitel" – der Humor passt wunderbar zu einer Figur, die gar keine andere Wahl hat als sich selbst nicht so ernst zu nehmen.
Zur Familie: Lydias vier ältere Schwestern Jane, Lizzy, Mary und Kitty sind bekannte Gesichter – wobei Kitty hier buchstäblich eine Katze ist, der Lydias Fantasie einen Körper gegeben hat. Ihre Tante Margery Philips mütterlicherseits ist ebenfalls Hexe und unterrichtet Lydia in ihrer Gabe, die innerhalb der Familie zwar bekannt ist und für Geflüster sorgt, nach außen hin aber streng geheim bleibt. Lydias „Ehemann" George Wickham entpuppt sich als Dämon in menschlichem Körper, der um ihre Gabe weiß – das Verhältnis der beiden ist entsprechend kompliziert. Als Antagonist fungiert Lord Wormenheart, Lehnsherr über das Land und Hexenmeister zugleich, dem Lydia einen Gefallen verspricht – mit absehbaren Konsequenzen.
Das Setting bleibt dem Original treu: Meryton, Newcastle, Debütantinnen-Bälle und die strenge Etikette der Regency-Ära bilden den Rahmen, in den die magischen Elemente geschickt eingewoben werden. Kräuter-, Knoten- und Spiegelmagie, Liebeszauber und Familiars treffen auf gesellschaftliche Konventionen –die gewirkte Magie hat dabei immer ihren Preis. Dass sich Lydias Situation als Hexe in einer Welt, die von ihr erwartet, sich zu verbiegen, um in das enge Korsett gesellschaftlicher Regeln zu passen, wie eine Metapher für die Rolle der Frau liest, verleiht der Geschichte eine zusätzliche Tiefe. Auch die Problematik rund um das Erbrecht, welches zur damaligen Zeit vorherrschte – als Frauen blieb das Familienvermögen allen Bennet-Töchter verwehrt – wird thematisiert. Dabei wirkt die Geschichte allerdings keineswegs trocken oder angestaubt. Dafür sorgen unter anderem moderne Elemente wie LGBTQ-Repräsentation durch die Figuren Maria Lambe und Carmen.
Erzählt wird auf zwei Zeitlinien – Gegenwart und Vergangenheit –, wobei beide sich auf unsere Protagonistin Lydia beziehen. Da die Wechsel nicht immer klar gekennzeichnet sind, sondern lediglich durch Absätze voneinander getrennt sind, fällt es gelegentlich etwas schwer, die beiden auseinanderzuhalten. Wer das Original kennt, dürfte sich jedoch schnell zurechtfinden, und überraschende Wendungen sorgen dafür, dass die Spannung auch für Liebhaber der Romane von Jane Austen erhalten bleibt. Dennoch ist keinerlei Vorwissen nötig, um der Handlung folgen zu können. “Stolz, Vorurteil & Hexerei” kann auch unabhängig von seinem klassischen Vorbild gelesen werden.
Alles in allem eine charmante, humorvolle und dabei erstaunlich vielschichtige Neuerzählung, die Fans von Jane Austen ebenso ansprechen dürfte wie alle, die Lust auf Fantasy mit historischem Setting haben Lydias Stimme ist frisch, witzig und unverwechselbar – und macht dieses Buch zu einem echten Lesevergnügen. Sicherlich auch ein guter Kompromiss für diejenigen, denen die originalen Romane zu steif sind, aber von ihrem Setting trotzdem fasziniert sind.