
Vor knapp zwei Wochen, am 14. August diesen Jahres, erschien im Rowohlt Taschenbuch Verlag mit „Das Krähenzimmer" das Debüt der Autorin Carolin Frey. Das hochwertige Paperback überzeugt optisch mit einem auffälligen Farbschnitt und einem gedeckten Cover, das durch einen leichten 3D-Effekt Meeresgischt andeutet. Der Buchschnitt ist in leuchtendem Neongelb gehalten und zieht damit gleich die Aufmerksamkeit auf sich. Auch Vor- und Nachsatz sind liebevoll gestaltet – beide enthalten Meeresmotive und Zitate aus dem Buch. Eine Triggerwarnung sucht man leider vergebens, was angesichts der für einige Leser sicherlich problematischen Themen Vergewaltigung und Trauma durchaus bedenklich ist – im literarischen Genre Thriller sind solche Warnungen allerdings ohnehin weniger verbreitet als in anderen Gattungen.
Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive von Lotta, einer schlagfertigen, ungewöhnlichen Protagonistin mit Piercings und Tattoos, die von ihrem Leben gerade einfach genug hat. Kurzerhand kehrt sie nach Geelekow, einem fiktiven Küstenort, an dem sie als Kind Urlaub gemacht hat, zurück. Die Nostalgie in der Villa Sturmmöwe wird allerdings schnell von etwas Unheimlichem überlagert. Die Nachbarn verhalten sich seltsam, es kursieren Gerüchte über das Haus, mysteriöse Geräusche und ein rätselhafter Brief sorgen für Unbehagen. Schließlich stellt sich heraus, dass Lotta nicht die erste Mieterin ist, die sich dort bedroht fühlt – die Villa ist gezeichnet durch eine dunkle Vergangenheit, über die aber scheinbar niemand im Ort sprechen möchte. Die Geschichte ist durchgehend im Präsens geschrieben, was die beklemmende Atmosphäre noch verstärkt, und auch der Prolog – scheinbar aus der Perspektive eines weiteren Opfers - stimmt von Beginn an auf das Düstere ein. Die Krähen ziehen sich dabei als Symbol des Todes wie ein roter Faden durch die Geschichte, als Vorzeichen und Konstante zwischen Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Auf diese Art und Weise gelingt es der Autorin, ihre Leser von Beginn an zu fesseln und unmittelbar an der Handlung teilhaben zu lassen.
Zwischen den Kapiteln finden sich mysteriöse Notizen mit „Regeln", die möglicherweise aus der Feder des Mörders stammen. Außerdem findet Lotta im Laufe der Geschichte einige Tagebucheinträge und Zeitungsartikel, die die Handlung durch abweichende Formatierung noch realer wirken lassen. Pop-Culture-Referenzen von Dolores Umbridge über Ted Bundy bis hin zu Slipknot und Narnia, dazu Alltagserfahrungen mit der Deutschen Bahn, wie sie jeder schon einmal erlebt hat, sowie englische Einschübe und Kraftausdrücke verleihen Lottas Welt eine glaubwürdige Bodenhaftung.
Thematisch geht das Buch weit über einen klassischen Thriller hinaus: Kontaktabbruch zur Familie, der Umgang mit Versagen und den Erwartungen anderer, die Suche nach Sicherheit sowie das Trauma sexueller Gewalt werden einfühlsam und ohne Beschönigung behandelt. Interessant ist auch die Ambivalenz rund um einige Nebenfiguren – bis zuletzt bleibt unklar, ob sie Lotta tatsächlich schützen wollen oder ihr vielmehr Böses wollen. Die Protagonistin kann niemandem trauen – und wir somit auch nicht. Dennoch baut sich kurz vor dem Finale eine Liebesgeschichte auf, die nur wenig Raum einnimmt, jedoch nicht aufgesetzt wirkt oder übermäßig vom Plot ablenkt.
Alles in allem ein starkes Debüt, das besonders durch die beklemmende Atmosphäre beeindruckt, welche den Leser von Beginn an in ihren Bann zieht. Man spürt Lottas Verzweiflung auf nahezu jeder Seite, und die vielschichtige Handlung bietet mehr, als der erste Eindruck vermuten lässt – inklusive einiger wirklich überraschender Plottwists, die erst auf den letzten fünf Seiten den Blick auf die Wahrheit freigeben. Von mir eine klare Leseempfehlung – vor allem für alle, die es mögen, wenn ein Thriller auch wirklich unter die Haut geht und bis zur letzten Seite fasziniert.