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Ein Kranich unter Wölfen

13.09.2026 – 11:29 Uhr
Cover: Ein Kranich unter Wölfen

Oje, mit Ein Kranich unter Wölfen habe ich mich sehr schwer getan!

Normalerweise lese ich ein Buch mit 360 Seiten innerhalb weniger Stunden, vielleicht an 2-3 Tagen. Dieses Buch begleitet mich jetzt seit fast 8 Monaten! Ich habe den Anfang gelesen, der konnte mich nicht recht packen, dann lag es lange Zeit unberührt auf meinem eReader und schließlich habe ich mich innerhalb von 2 Wochen immer wieder dazu gezwungen, weiter- und schließlich zu Ende zu lesen. Vielleicht hätte ich das Buch gar nicht beendet, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt hätte, dass es besser würde, nachdem sich die beiden Hauptfiguren finden. Um es so richtig deutsch zu sagen: Tja.

Neugierig machte mich ursprünglich das Cover und die Grundlage aus koreanischer Geschichte. Auch der Titel ließ schon erahnen, dass Iseul sich in Gefahr begeben würde und viele kulturelle Elemente wichtige Rollen spielen würden. So weit, so gut. Dass all das - die historischen Elemente, die kulturellen Einflüsse und die Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptcharakteren - unter einer Mordermittlung begraben würde, konnte ich nicht erahnen. Ein entsprechender Nebensatz im Klappentext hätte mir jede Menge Frust ersparen können. Stattdessen wird Ein Kranich unter Wölfen als Lovestory mit historischem touch beworben (und mit ein bisschen Politik, schließlich soll ein König gestürzt werden), "für Fans von historical K-Dramas". Das ist meiner Meinung nach zwar noch kein Etikettenschwindel, denn es gibt eine Liebesgeschichte und es ist definitiv ein historischer Roman, doch die Ermittlungen nehmen zu viel Raum ein, um einfach gar nicht erwähnt zu werden.

Ich lese kaum bis gar keine Krimis. Das hat verschiedene Gründe, aber der wichtigste ist wohl, dass ich solche Bücher einfach nicht interessant finde. Ab und zu schaue ich mir gern eine Krimiserie an (wenn neben den Kriminalfällen noch genug anderes Interessantes passiert oder diese Serien ein Element haben, das sie besonders macht), aber im Buchformat sieht man Krimis bei mir äußerst selten. In diesem historischen Liebesroman voller koreanischer Kultur nun von einem Krimi überrascht zu werden, kam bei mir deshalb (hoffentlich verständlicherweise) nicht so gut an.

Mir haben die Figuren gut gefallen: Die Menschen, die ich mögen sollte, mochte ich und diejenigen, die ich nicht mögen sollte, konnte ich nicht ausstehen. Die Autorin benennt im Nachwort genau, welche Elemente von realen historischen Ereignissen übernommen, welche leicht verändert und nach dem Ausschlussverfahren damit auch, welche selbst ausgedacht wurden. Das finde ich als Person ohne Wissen über koreanische Geschichte, das über K-Dramas hinausgeht, sehr hilfreich und interessant. Es verleiht auch den Gräueltaten der Politiker in Ein Kranich unter Wölfen noch mehr Gewicht.

Die Story ist sehr düster. Sie beginnt mit der massenhaften Entführung von Frauen, mit einem machtlosen Mädchen, und wird im Verlauf der Handlung nicht wirklich angenehmer. Das Erzähltempo ist sehr langsam. Einerseits passt es zu dem, was ich von anderen Büchern aus dem koreanischen Kulturraum schon kenne und auch zu den Serien, die ich mag. Doch andererseits ist es mir ZU langsam. Vielleicht fühlte es sich für mich extra zäh an, weil ich an der Mordermittlung und der Suche nach dem Täter einfach keine Freude finden konnte. Und von diesem Handlungsstrang wurde alles andere für einen sehr großen Teil des Buches überschattet.

Er sorgte auch dafür, dass ich kaum nachvollziehen konnte, wie Iseul und Daehyun einander näher kamen. Es fühlte sich für mich an, als hätte sich ein Schalter umgelegt und auf einmal waren da die Gefühle, die nicht zu ignorieren waren. Es gab zwar einzelne Momente, in denen Iseul Daehyuns Aussehen bewunderte, aber von jetzt auf gleich beschrieben beide Erzählperspektiven eine Nähe, die ich vorher nicht sehen konnte. Das kann selbstverständlich damit zusammenhängen, dass ich so lange Pausen beim Lesen eingelegt habe bzw. einlegen musste.

Vielmehr interessierte mich mit dem Hauptermittler ein Nebencharakter; seine Hintergrundgeschichte und seine Beziehungen zu den Menschen in seinem Umfeld. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Autorin durchaus Charaktere und Handlungsstränge schreibt, die mir gefallen können, aber dieses Buch scheint schlicht nicht für mich geschrieben worden zu sein.

Womit die Autorin mich sehr abholt, sind die Beschreibungen von Landschaft, Architektur und gesellschaftlichem Leben. Ob mein Vorwissen aus K-Dramas hierbei eine Rolle spielt, kann ich nicht beurteilen. Doch ich hatte oft ganze Bilder vor Augen, konnte mir Situationen sehr gut vorstellen und die Atmosphäre wahrnehmen.

Abschließend stecke ich Ein Kranich unter Wölfen in die Kategorie "handwerklich recht gut gemacht, aber inhaltlich absolut nicht mein Fall". Ich habe viel zu lange gebraucht, um diese 360 Seiten zu lesen, und dabei nur wenig Freude gehabt. Schon bei etwa 25 % Lesefortschritt konnte ich es kaum erwarten, das Buch hinter mich zu bringen - und da ging die Mordermittlung erst so richtig los. Mit Iseul habe ich mitgefiebert, wenn es um ihre Schwester ging, aber diese Momente waren rar.

Ich bin froh, dass es vorbei ist.

Eine kleine Ergänzung zum "langsamen Erzähltempo", als Einordnung:

Mit diesem Buch hatte ich neben den genannten Kritikpunkten dasselbe Problem wie schon mit anderen Büchern aus den koreanischen und chinesischen Kulturkreisen - es erzählt zu langsam. Ein paar Beispiele: A Song to Drown Rivers, Five Broken Blades, Das Mädchen, das in den Wellen verschwand, Immortal Longings oder auch Guardian 1. Seelenwächter - sie alle haben gemeinsam, dass ich die Prämisse spannend fand, die kulturellen Hintergründe schon ein bisschen kannte und dann damit konfrontiert wurde, dass ihre Geschichte für meinen Geschmack einfach zu langsam voranschritt, sodass ich all die Dinge, die mir normalerweise gefallen würden, gar nicht wertschätzen konnte.

Ich kann und möchte nicht mit Gewissheit behaupten, dass es an der kulturellen Herkunft liegt; dass chinesische oder südkoreanische Bücher (oder solche von Autor*innen mit entsprechender kultureller Herkunft) allgemein langsamer erzählen als ich es von deutschen oder englischen gewohnt bin. Was ich sagen kann, ist, dass mir langsameres Erzählen in Film- oder Serienformat nicht so viel ausmacht wie in Büchern, und dass ich es zuletzt verstärkt in den genannten Büchern wahrgenommen habe. Leider bildet Ein Kranich unter Wölfen da keine Ausnahme.


Gesamtbewertung: 2/5
Blogger: Henrike | Buchstabensalat.net

Henrike schreibt mit kurzer Unterbrechung schon seit 2014 über Bücher, Serien und Filme. Am liebsten liest sie Urban Fantasy, Romantasy und New Adult. Sie ist Buchhändlerin und studiert Kinder- und Jugendliteratur-/Buchwissenschaft.

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Klappentext

Ein Kranich unter Wölfen

Mystery von June Hur
Cover: Ein Kranich unter Wölfen

1506, Joseon. Das Volk leidet unter der grausamen Herrschaft des tyrannischen Königs Yeonsan, ohnmächtig, ihn von seinem Treiben abzuhalten: Er beschlagnahmt ihr Land für seine eigenen Vergnügungen, verbietet und verbrennt Bücher und entführt Frauen und Mädchen, um mit ihnen auf grauenvolle Weise sein Spiel zu treiben. Die siebzehnjährige Iseul hat trotz der Wirren im Reich ein behütetes, privilegiertes Leben geführt. Als der König ihre große Schwester Suyeon zu seiner Beute macht, lässt Iseul die relative Sicherheit ihres Dorfs hinter sich und reist durch verbotenes Territorium zur Hauptstadt, in der Hoffnung, ihre Schwester zurückzuerobern. Bald muss sie jedoch herausfinden, dass des Königs Macht absolut ist, und wer sie in Frage stellt, spielt mit seinem Leben. Prinz Daehyun hat sein ganzes Leben im Schatten seines beängstigenden, verabscheuungswürdigen Bruders verbracht, gezwungen zuzusehen, wie König Yeonsan unverhohlen seinen räuberischen Trieben frönte. Während all der Hinrichtungen und der zügelosen Misshandlung einfacher Leute sucht Daehyun verzweifelt nach einem Weg, seinen Halbbruder ein für allemal vom Thron zu stoßen. Ging der Putsch fehl, wäre das tödlich, und er wird Hilfe dabei brauchen – nur kann er unmöglich wissen, wem zu trauen ist und wem nicht. Als Iseuls und Daehyons Schicksale aufeinandertreffen, ist nur eins mächtiger als ihre Verachtung füreinander: ihr gemeinsamer Hass auf den König. Gerüstet mit Iseuls Familienverbindungen und Daehyuns Nähe zum Thron schließen sie sich widerwillig zusammen und gehen das größte Wagnis ein, das das Königreich je gesehen hat. Die Schwester retten. Das Volk befreien. Einen Tyrannen vernichten.

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