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Trau Dich zu Fragen

13.09.2026 – 11:31 Uhr
Cover: Trau Dich zu Fragen

Kritisches Denken: Das scheint Mangelware in der aktuellen Zeit zu sein. Deshalb war ich gespannt auf die Umsetzung, aber vor allem auch auf die Inhalte von Trau Dich zu Fragen. Ich habe es in einem Rutsch gelesen und bin ziemlich enttäuscht. Lasst mich das erklären.

Erster Eindruck

Inhaltlich ist Trau Dich zu Fragen grundsätzlich gut gemacht: Der Aufbau von historischen Ereignissen hin zu modernen Entwicklungen ergibt Sinn. Auch die Gegenüberstellung von beispielsweise "Das wurde erzählt" und "Das ist wirklich passiert, nur wollte das niemand sehen" deutet im Kontext von kritischem Denken an, WARUM das eine so wichtige Fähigkeit ist. Die abschließenden Kapitel führen dazu passend auf, dass es eben genau das ist: eine Fähigkeit, die trainiert werden kann, und keine angeborene Eigenschaft. Und, ganz wichtig, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Ausgangslagen und Möglichkeiten haben, um dieses Training zu erhalten - hierzu passende Stichworte sind Armut oder Zugang zu Bildung.

Auch optisch ist mein erster Eindruck von Trau Dich zu Fragen ganz gut. Der Illustrationsstil erinnert mich ein bisschen an Scherenschnitt, der digital mit Schattierungen und Effekten nachbearbeitet wurde. Es passt zum Inhalt, bebildert ansprechend die Informationen, aber nimmt für meinen Geschmack viel zu viel Raum ein. Ja, die Zielgruppe des Buches sind Kinder im Alter von 6 oder 8 Jahren, je nachdem, wo man nachsieht. Ob dieser Altersgruppe die Bilder gefallen, wage ich zu bezweifeln, darum soll es an dieser Stelle aber nicht gehen.

Vielmehr geht es mir um die Gewichtung von Text und Bild. Denn nur 7-10 Zeilen Text plus Überschrift auf einer Seite bei Greta Thunberg oder Martin Luther King Jr. umgeben von seitenfüllenden Illustrationen, erfüllen meiner Meinung nach nicht wirklich den Zweck, Informationen zu vermitteln. Es gibt auch Seiten mit deutlich mehr Text, aber insgesamt bleibt der Text sehr kurz und die Information deshalb sehr oberflächlich. Dadurch erscheint es mir mehr wie ein Bilderbuch mit ein bisschen Text, als wie ein Sachbuch mit Illustrationen. Vielleicht ist das auch das Ziel, das kann ich nicht beurteilen. Besonders bei einem Thema wie diesem habe ich jedoch deutlich mehr Text erwartet.

Beides zusammen - ein interessanter inhaltlicher Ansatz, der so kurz gehalten wird, sodass er kaum Wirkung entfalten kann, und zwar ansprechende, aber leider zu einnehmende Illustrationen - sorgen dafür, dass die Informationen und Lektionen zum kritischen Denken kaum existieren.

Oberflächlichkeit und fehlende Informationen

Ein Beispiel: Auf Seite 20 wird die "Entdeckung" Amerikas beschrieben: Kolumbus segelt über den Atlantik und betritt Land. Das wird als erste Entdeckung des Kontinents in den Geschichtsbüchern benannt. Der Name Amerika stammt schließlich von Amerigo Vespucci, der später feststellt, dass Kolumbus gar nicht wie geplant nach "Asien", sondern eben nach Amerika gefahren war. Und was oft in der Geschichtsschreibung verschwiegen oder kaum erwähnt wird, ist, dass der Kontinent durchaus bereits besiedelt war - und außerdem längst von anderen Völkern "entdeckt" wurde, die dort ebenfalls nicht zuhause waren.

Die Frage, die auf dieser Seite einleitend gestellt wird, ist diese: "Hat er [Kolumbus] Amerika also wirklich "entdeckt"?" Das Buch stellt die Frage, erzählt ein paar Anekdoten der Geschichte, und springt ohne Antwort auf der nächsten Seite zum nächsten Thema. Einerseits finde ich das clever, denn so werden die Lesenden dazu genötigt, selbst ein bisschen über die beschriebene Situation nachzudenken. Andererseits werden so wenige Informationen dafür bereitgestellt, dass sich niemand ein vollständiges oder auch nur halbwegs umfassendes Bild machen kann, geschweige denn wüsste, wo man mit der anschließenden Recherche anfangen sollte. Wenn dieses Buch Kinder da abholen will, wo sie in Zeiten von KI und fehlender Lesekompetenz sind, dann fehlt da einfach etwas.

Wohin in "Asien" wollte Kolumbus eigentlich fahren? Was hat ihn dazu gebracht, überhaupt diese Reise anzutreten? Was ist mit den bereits dort lebenden Menschen passiert, nachdem seine Mannschaft an Land ging? Wo genau ist er eigentlich angekommen? Ist er dort jemandem begegnet oder dachte er, das Land sei unbesiedelt? Wann und warum taucht Vespucci in dieser Geschichte auf? Wie kommen die Europäer überhaupt dazu, einem Land einen Namen zu geben, wenn dort schon Menschen lebten, die diese Benennung vielleicht längst selbst vorgenommen hatten? Welcher Name war das? Was waren das für Menschen, die dort lebten?

Warum wird am Ende des Textes nur aufgezählt, dass zu anderen Zeitpunkten auch andere Menschen und Völker nach Amerika wanderten oder fuhren, aber nur ganz kurz oben in der Einleitung erwähnt, dass auf dem gesamten Kontinent Menschen lebten, denen zumindest die späteren Reisenden begegnet sein mussten? Diese Fragen fielen mir innerhalb weniger Minuten ein, als ich überlegte, welche Infos für einen reflektierten Umgang mit diesem historischen Ereignis nötig wären. Und leider bietet Trau Dich zu Fragen keinerlei Hilfsmittel für seine junge Zielgruppe, um diese Fragen, die ja mit dem Titel des Buches ausgelöst werden sollen, tatsächlich zu stellen. Wo kann ich die Infos finden? Wen kann ich danach fragen? Wenn ich nicht weiß, wonach ich fragen kann, dass es überhaupt etwas zu fragen gibt, dann tue ich es auch nicht.

Kritisch denken - aber WIE?

Wenn ich Trau Dich zu Fragen meinem dreizehnjährigen Neffen gäbe - also jemandem, der zwar kein Erwachsener, aber dennoch deutlich älter ist als die benannte Zielgruppe -, dann dächte er nicht weiter darüber nach, sondern nähme die Infos so hin, wie sie im Buch stehen. Vielleicht würde er sagen "Die Geschichte kenne ich doch schon." und vor dem Umblättern gar nicht bis zum Ende der Seite lesen. Er gehört zu der Generation, die das Nachfragen verlernt (oder eher: nie richtig gelernt) hat und war Auslöser für mich, dieses Buch lesen zu wollen. Ich hätte es ihm gern gegeben, um etwas in ihm anzustoßen. Seine kleine Schwester, noch nicht eingeschult, würde zum Thema "Entdeckung Amerikas" vielleicht fragen "Hat da vorher keiner gewohnt?", aber dabei würde es bleiben, wenn durch die Antwort kein längeres Gespräch entstünde.

Worauf ich hinauswill: Abgesehen vom Titel regt nichts in diesem Buch Kinder aktiv dazu an, wirklich Fragen zu stellen und über die oberflächlichen Infos hinaus zu recherchieren. Trau Dich zu Fragen beginnt mit einem kurzen einleitenden Text, der als Ziel des Buches benennt, dass "die jüngeren Generationen" kritischer denken, neugieriger sein und den Status Quo ständig hinterfragen sollen. Nur wird ihnen das Wie vorenthalten.

Das ist meiner Meinung nach so, als ob man mit einem Kind schimpft, weil es die Spielsachen bisher immer falsch einsortiert hat - aber ihm dann nicht sagt, wie es das zukünftig richtig machen kann. Guck, welche Fehler wir in der Vergangenheit gemacht haben und mach' du es besser - ich weiß auch, wie du das anstellen kannst, aber das verrate ich dir nicht! Darauf musst du schon selbst kommen. Das ist einfach nicht sonderlich zielführend.

Es gibt tatsächlich gegen Ende ein Kapitel, das sich mit dem Lernen von kritischem Denken befasst. Nur werden da die Schulkonzepte von Maria Montessori und Rudolf Steiner (Waldorf) beschrieben, bevor es schnell mit dem gruseligen Überwachungs-Szenario aus George Orwells "1984", Edward Snowden und dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" weitergeht. Das wars. Keine Erwähnung von Lernmethoden oder Techniken wie Bücher lesen, verschiedene Meinungen gegenüberstellen, Behauptungen prüfen und Fakten kontrollieren. Es geht in dem Kapitel mit dem Titel "Denken lernen, einfach nur denken" ernsthaft ausschließlich um autoritätsferne Erziehung von kleinen Kindern und das praktische Lernen durch handwerkliche Tätigkeiten anstelle von klassischem Auswendiglernen, aber das hat mit kritischem Denken und dem Hinterfragen von Strukturen nur sehr begrenzt zu tun. (Steiners rassistisches Weltbild und seine auch in anderen Zusammenhängen problematischen Lehren werden hier natürlich nicht erwähnt.)

Eine einfache Lösung, um dieses Problem zu beheben, wäre meiner Meinung nach folgendes: Jede Seite, jedes Thema bekommt am Ende eine konkrete Frage, die beantwortet werden soll. Da könnte so etwas stehen wie: "Frage deine Oma/deinen Opa, wohin Christoph Kolumbus eigentlich reisen wollte. Hättest du mit dieser Antwort gerechnet?" oder "Wer war eigentlich Amerigo Vespucci und warum wurde Amerika nicht nach Christoph Kolumbus benannt? Vielleicht kennt deine Lehrerin/dein Lehrer ein Buch, in dem die Antwort steht!" Das wäre eine klare und für Kinder in dem Alter der Zielgruppe verständliche Handlungsanweisung, die verdeutlicht, dass das bisschen Information aus diesem Buch lange nicht alles ist, was man zu einem Thema wissen kann, und gleichzeitig benennt, wo dieses Wissen zu finden ist.

Möglicherweise entstünden dann im Anschluss zusammen mit Erwachsenen Situationen, in denen gemeinsam recherchiert wird: eine Suche nach Büchern über die spanische Kolonisation in der Bibliothek, gemeinsame Recherche im Internet, oder das Eingeständnis von Eltern: Die Antwort kann ich nicht aus dem Ärmel schütteln, aber ich weiß genau, ich hatte mal ein Buch darüber. Lass uns im Regal nachsehen.

Sprache und Übersetzung: KI?

All das ist aber noch nicht genug, denn es bleibt nicht dabei, dass die vermittelte Information viel zu knapp und oberflächlich ist. Nein, was dem ganzen dann das i-Tüpfelchen aufsetzt, ist die Sprache. Denn es werden Wörter wie "konkurrieren", "Miliz", "totalitär" oder "Dogma" verwendet, die Kindern von 6-8 Jahren noch ziemlich fremd sein dürften. Dabei kann ein Wörterbuch Abhilfe schaffen - oder das Fragen einer älteren Person. Viel mehr als die etwas zu komplexe Sprache stört mich daher die fehlerhafte Rechtschreibung.

Dieses Buch soll Kindern etwas beibringen. Dabei ist die Grammatik teilweise so schlecht, dass ich ernsthaft länger recherchiert habe, ob für die Übersetzung nicht doch eine schlechte KI verwendet wurde. Ich habe keine öffentlich erkennbaren Anzeichen dafür gefunden - abgesehen davon, dass es sich so liest, als hätte jemand den Text - ursprünglich katalanisch - durch den Google Übersetzer gejagt. Als Beispiel greife ich wieder Seite 20 auf, die Kolumbus thematisiert. Ich zitiere, mit exakt der im Buch verwendeten Schreibweise und Zeichensetzung: "Mindestens 20.000 Jahre vor der Ankunft von Kolumbus in Amerika begannen Jäger und Sammler Stämme aus Sibirien, nach Alaska zu ziehen. [...] Die Wikinger besiedelten circa 500 Jahre vor der Ankunft von Kolumbus, Grönland und Neufundland."

Ich wünschte, ich könnte hier auf NetGalley die Fehler in Rot markieren, das werde ich auf meinem Blog dann später so umsetzen. Stattdessen hier als Beschreibung: Es sind Jäger-und-Sammler-Stämme oder in einer anderen Schreibweise Jäger- und Sammlerstämme. Oder sind vielleicht Jäger gemeint, die Sammlerstämme begleitet haben? Selbst dann müssten die beiden letzten Worte zusammengezogen werden. "Jäger und Sammler Stämme" ist schlicht falsch. Auch ist das Komma hinter Kolumbus und vor Grönland falsch gesetzt. Besonders der erste Fall - die Schreibung von Wörtern, die im Deutschen eigentlich in einem Wort zusammengehören oder mit Bindestrichen verknüpft werden, als einzelne Worte - ist mir sehr häufig im gesamten Buch aufgefallen. Je weiter ich gelesen habe, desto tiefer wurde die Falte zwischen meinen Augenbrauen, weil ich nicht glauben wollte, was ich da vor mir hatte!

Wäre die Übersetzung aus dem Englischen erfolgt, hätte ich sie mit dem Original vergleichen können. Manches liest sich nämlich so, wie ich es im Englischen vermuten würde: einzelne Worte, aber gruppiert. Katalanisch beherrsche ich jedoch leider nicht, sodass ich es nicht überprüfen kann. Die Übersetzerin scheint keine Unbekannte zu sein, da sie bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde - doch für mich lesen sich große Abschnitte von Trau Dich zu Fragen wie entweder maschinenübersetzt oder sogar maschinengeschrieben und dann halbherzig übersetzt. Das wäre grundsätzlich schon ein No-Go für mich, aber ganz besonders in einem Buch, das kritisches Denken fördern möchte und das Übernehmen von Denkaufgaben durch Maschinen explizit als Problemfaktor dafür benennt, darf ein solcher Eindruck schlicht und einfach nicht entstehen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Ich habe keine Infos darüber finden können, dass bei der Produktion dieses Buches KI verwendet wurde! KI erwähne ich hier nur, weil ich beim Lesen den Eindruck gewonnen habe, dass irgendetwas nicht stimmt. Im Impressum und auf Shopseiten online werden Text, Illustration und Übersetzung eindeutig Personen zugeordnet. Wenn ich davon ausgehe, dass alle drei ihren Job gut beherrschen, dann lassen sich diese Fehler in dieser Häufung für mich nicht erklären. Auch nicht durch ein schlechtes Lektorat. An irgendeiner Stelle der Produktionskette von Trau Dich zu Fragen muss meiner Meinung nach schlampig - und/oder mit maschineller Unterstützung - gearbeitet worden sein. Was auch immer davon passiert ist: Beides sorgt bei mir für einen negativen Eindruck.

Fazit

Ich hätte Trau Dich zu Fragen so gern gemocht! Das Thema ist aktuell und relevant, besonders nach den Entwicklungen der letzten Jahre. Kritisches Denken und das Hinterfragen von "Das war schon immer so" ist so, so wichtig! Ich war wirklich gespannt, wie dieses Buch das Thema kindgerecht erklärt und habe mich gefreut, dass überhaupt jemand für Kinder darüber schreibt.

Doch all diese Kritikpunkte zusammen - so oberflächliche Texte, dass es an Fehlinformation grenzt und eine Sprache, die nicht nur viel zu komplex für das Alter der benannten Zielgruppe ist, sondern auch vor Fehlern nur so wimmelt - bedeuten für mich, dass ich Trau Dich zu Fragen nicht noch einmal lesen und erst recht nicht an meinen Neffen oder meine Nichte weitergeben werde. Das Einzige, was durchweg gut bei mir ankommt, sind die Illustrationen, die ihre Inhalte sehr verständlich vermitteln, aber im Zusammenspiel mit dem Text einfach zu viel Raum einnehmen.

Ich würde mir lieber andere Werke des Illustrators und Grafikdesigners Eduard Altarriba anschauen als dieses Buch weiterzuempfehlen ...


Gesamtbewertung: 1/5
Blogger: Henrike | Buchstabensalat.net

Henrike schreibt mit kurzer Unterbrechung schon seit 2014 über Bücher, Serien und Filme. Am liebsten liest sie Urban Fantasy, Romantasy und New Adult. Sie ist Buchhändlerin und studiert Kinder- und Jugendliteratur-/Buchwissenschaft.

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Klappentext

Trau Dich zu Fragen

Sachbuch von Marc Gascón
Cover: Trau Dich zu Fragen

Kritische Denker haben in der Geschichte der Menschheit eine äußerst wichtige Rolle gespielt, weil sie die Unwissenheit, den Aberglauben, die Vorurteile, Mythen und Dogmen sowie die Ungerechtigkeit bekämpft haben.

Heute sind kritische Denker mehr denn je gefragt, sich den gleichen Herausforderungen wie in der Vergangenheit zu stellen, jedoch in einem neuen, stark von den neuen Technologien beeinflussten Kontext. Manipulation, Fehlinformation und Überwachung sind heutzutage durch das Internet, die sozialen Netzwerke und die künstliche Intelligenz viel häufiger, und ihre Verbreitung nimmt viel größere Dimensionen an als früher.

Glücklicherweise gibt es Gründe genug für Optimismus, denn kritisches Denken ist eine Fähigkeit, die sowohl gelehrt als auch trainiert werden kann.

Ziel dieses Buches ist es, die jüngeren Generationen dazu einzuladen, einerseits kritischer zu denken und neugieriger zu sein, andererseits Ungerechtigkeiten und den Status quo, die etablierte Ordnung, immer wieder zu hinterfragen.

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