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Die imaginäre Nacht

19.09.2026 – 19:18 Uhr
Cover: Die imaginäre Nacht

Autor:
Hugo Lindenberg wurde 1978 gebopren und ist ein französischer Journalist. "Eines Tages wird es leer sein", war sein erster Roman, der bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Der Autor lebt in Paris.

Inhalt:
Ein junger Mann erfährt, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat - damals, als er sechs Jahre alt war. Mit ihrem Tod war für ihn die Zeit stehen geblieben, die sich nun, stockend, wieder in Bewegung setzt. Auf seinen nächtlichen Streifzügen durch Paris nähert er sich der Nacht ihres Todes, der Erinnerung und seinem eigenen Begehren - ruhelos, sinnlich, fieberhaft. (Klappentext)

Rezension:
Nach dem meisterlichen Debüt "Eines Tages wird es leer sein", legt der französische Schriftsteller Hugo Lindenberg eine Erzählung über das Dazwischen nach, über eine Suche und einen Findungsprozess nach Etwas, was sein Protagonist doch nich vermag, zu greifen. "Die imaginäre Nacht", erzählt von eben diesen, den Streifzügen durch das flirrende Paris, einem Verlust, einer Annäherung und setzt dabei voll und ganz auf den Sog der Sprache.

Die Grundthematik ist nicht leicht, auch in die Tonalität muss man erst hineinfinden. Sie zerrinnt zwischen den Fingern wie der Protagonist auf Sinnsuche durch die Clubs. Er ist auf der Suche nach etwas, was er schon vor langer Zeit, in früher Kindheit verloren hat. Nur wenige Menschen um ihn herum werden es im Verlauf der Geschichte schaffen, ihm Anknüpfungspunkte zu geben, an das, was war. Kompakt ist sie, die Erzählung, die von kunstvollen Sätzen nur so strotzt. Eine Fähigkeit, die der Autor schon mit seinem Erstliungswerk bewiesen und in diesem Roman noch verfeinert hat. Jeder Satz fühlt sich an wie ein Nadelstich. Wir folgen den inneren Monolog, den Begegnungen, der Konfrontation voller Traurigkeit und Melancholie.

Erzählt wird ein unbestimmter Zeitraum, wenige Tage, vielleicht Wochen, immer aus der Sicht des Hauptprotagonisten, der Stimmungen und Begegnungen gierig in sich aufnimmt, sich der Körperlichkeit hingibt, insgeheim eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sucht, in einer Form, wie es für ihn unerreichbar bleiben wird. Das Dilemma ist schnell klar und so wird man selbst von der Tonalität eingenommen, ein Grund, diesen Text nicht zu lesen, liegt man selbst bereits am Boden. Es ist kein Roman für jede Stimmung.

Der Protagonist ist zu gleichen Teilen unnahbar und doch gar nicht so fern, eingesperrt in seiner Gefühlswelt, die ihn wie ein Käfig umgibt. Oft genug möchte man ihn schütteln, dann wieder tröstend in den Arm nehmen. Vielleicht ist es dieser ständige Wechsel, der Hugo Lindenbergs Figur in den dunklen Pariser Nächten leuchten lässt. Wer diese Momente während des Lesens aufgreifen kann, dem eröffnet sich eine wunderbare Erzählung, die dann auch sprachlich nachhallt. Entscheidend ist es, dieses Momentum möglichst früh zu packen. Ansonsten findet man Längen, die man wie Täler durchschreiten muss, was zuweilen mühselig ist.

Es ist ein stiller Roman, dessen Dynamik in der Bewegung seines überschaubaren Figurentableaus wirkt. Der Protagonist gewinnt durch dieses seine Ecken und Kanten, die Nebenfiguren indes bleiben verhältnismäßig blass. Auch die Handlungsorte verschwimmen miteinander. Was zählt und am Ende übrig bleibt ist die Hauptfigur, der Erzähler selbst. Diese Art und Weise, zu erzählen, muss man mögen, sich darauf einlassen, sonst wird das problematisch und da hilft dann auch nicht das sprachlich Schöne darüber hinweg. In jedem Fall die Erzählung en wenig nur ruhen lassen, nachdem man die letzte Zeile gelesen, die letzte Seite umgeblättert hat.

Eine Erzählung, nicht für jedermann, nicht für jede Situation oder Stimmung. Den Moment genau, muss man abpassen. Eine Empfehlung für jene, denen das gelingt.


Gesamtbewertung: 3/5
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Klappentext

Die imaginäre Nacht

Roman von Hugo Lindenberg
Cover: Die imaginäre Nacht

Einmal im Jahr, am Todestag seiner Mutter, trifft ein junger Student seine Tante zu einem Spaziergang im Jardin du Luxembourg. Unter Platanen, die ihre ersten Blätter verlieren, eröffnet sie ihm nach Jahren plötzlich: Es war Selbstmord. Eines Nachts im Oktober schluckte die Mutter Medikamente, bevor sie sich auf die Gleise der Gare de Lyon legte. Ihr Sohn war sechs Jahre alt.
Was tun mit einer solchen Wahrheit? Der junge Mann versucht, sie zu verstehen. Über ein zufällig entdecktes Foto trifft er alte Freundinnen seiner Mutter und findet Zugang zu einem Teil ihrer Geschichte, der ihm bisher verborgen geblieben ist. Er wird keine abschließende Antwort finden, aber eine Vielzahl von lebendigen Fiktionen.
Seine Mutter hat sich nachts das Leben genommen. Daher beschließt er, wachzubleiben, seine Streifzüge durch Paris auszudehnen, als könnte er das Geschehene so überdecken und sich ihr zugleich auf neue Weise annähern. Und er überschreitet eine Grenze: die Schwelle zum Schwulenclub »Le Hangar« und zu seinem eigenen Begehren. Die Nacht wird zu einem neu zu erforschenden Terrain.
»Die imaginäre Nacht« ist ein schwindelerregender Entwicklungsroman, sinnlich und fieberhaft: Eine Geschichte über die Wiedergeburt eines jungen Mannes, der seit dem Tod seiner Mutter die Luft angehalten hat und nun endlich wieder auftaucht.

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