Rilke
Autor:
Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.
Inhalt:
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei "Dinge machen aus Angst", schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)
Rezension:
Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.
Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.
Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.
Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.
Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.
Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.
findosbuecher
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Kommentare
Rilke
Rainer Maria Rilke: 150. Geburtstag am 4. Dezember 2025
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei "Dinge machen aus Angst", schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salomé. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit.
Rainer Maria Rilkes Lebensstationen sind immer auch Marksteine seines Werkes: Prag, Russland, Worpswede, Paris, München, Duino, Spanien, Schweiz. Manfred Kochs wunderbar geschriebene Biographie folgt diesen Stationen wie dem kreativen Kreuzweg eines körperlich wie seelisch bedrohten Mannes und verbindet Rilkes Lebenswanderung mit exemplarischen, verständlichen Interpretationen seines Werks. Der Dichter der "Duineser Elegien" erscheint als ein Mann, der wie kein zweiter zu schnorren versteht, Frauen und Mäzene in seinen Bann zieht und bis an den Rand des Erträglichen manieriert ist, der aber zugleich all dies wie sein eigenes Leben rigoros zur bloßen Folie macht für das, worauf es ihm ankommt: Dichtung für die Ewigkeit zu schaffen und aus Leben «wahre» Kunst werden zu lassen. Er hatte darin Erfolg, aber der Preis war hoch, für ihn selbst wie für all jene, die ihn umgaben. Rechtzeitig zum 150. Geburtstag liegt mit dieser einfühlsamen, auf einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Leben und Werk basierenden Biographie ein neuer zeitgemäßer Zugang zu Rainer Maria Rilke vor.
- "Dieser große Lyriker hat nichts getan, als dass er das deutsche Gedicht zum erstenmal vollkommen gemacht hat." Robert Musil
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