Readingwitch

Lieblingsbücher | ReadingWitch | Lieblingsorte

Die voreingenommene Gesellschaft

15.10.2026 – 19:15 Uhr
Cover: Milchmann

Rezension "Milchmann"

Die Welt, in die uns Anna Burns in ihrem Roman „Milchmann“ führt, ist schwarz und weiß. Es gibt genaue Regeln, die jeder kennt, aber über die keiner spricht. Das Regelwerk deckt alle Bereiche ab. Es erstreckt sich von der richtigen Wohngegend über die richtige Religion bis hin zu den richtigen Namen. Es wird zwar an keiner Stelle erwähnt, aber aus dem Kontext lässt sich entnehmen, dass die Geschichte mitten in dem Konflikt zwischen den Protestanten und Katholiken in Nordirland spielt. Der Alltag ist geprägt von Attentaten und Gewalt. Es gibt die Bewegung der Verweigerer, welche sich dem Staat widersetzt und ihren Bezirk kontrolliert. Die Menschen teilen ihre Stadt in “die richtige und die falsche Seite der Hauptstraße ein“ und definieren sich über ihre Gruppenzugehörigkeit. Es ist wichtig das richtige zu sagen, damit die Nachbarn nicht das Falsche denken. Daraus entsteht eine psychopolitische Atmosphäre der Angst und Unterdrückung.

„Der Schneeball und das böse Wort,

sie wachsen, wie sie rollen fort.

Ein Schneeball wirft zum Tor hinaus,

ein Berg wird`s vor Nachbars Haus.“

(Wilhelm Müller 1794 – 1827)

So ein Schneeball wird unserer Protagonistin zum Verhängnis. Die Ich-Erzählerin, auch Mittelschwester genannt, lebt in Belfast in den 70er Jahren. Mit ihren jungen 18 Jahren wird sie von dem deutlich älteren und verheirateten Anführer der „Verweigerer“ als nächste Affäre auserkoren. Er, im Roman Milchmann genannt, beginnt ihr nachzustellen. Und obwohl zwischen den beiden keine Beziehung besteht, brodelt die Gerüchteküche aufgrund einiger kurzer und für die Hauptfigur bedrohlicher Treffen. Der Milchmann erwartet von ihr, dass sie sich fügt und weicht nicht vor Drohungen zurück, um sich durchzusetzen. Die Erzählerin kann sich in ihrer Verzweiflung an niemanden wenden. Sie kann sich niemandem anvertrauen, nicht einmal ihrer Mutter, die aufgrund der Gerüchte bereits ihr eigenes Urteil gefällt hat.

Das Leben der Erzählerin besteht aus Anpassungsdruck, sozialen Kontrollen und Ungleichheit. Doch sie ist nicht bereit sich komplett anzupassen. Sie möchte nicht sofort heiraten und Kinder kriegen. Doch in ihrer Welt haben Frauen eine untergeordnete Rolle und müssen die männliche Überlegenheit anerkennen. Frauen, die widersprechen, gelten als missraten und werden von der Gesellschaft geächtet.

Das alles wird in einen sehr ungewöhnlichen Schreibstil verpackt. Die langen Bandwurmsätze, die vom hundertsten ins tausendste springen, wirken wie ein nicht enden wollender Gedankenstrom. Die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung der Hauptfigur wird dadurch greifbar. Ihre Gedanken drehen sich wie ein Karussell.

Ungewöhnlich sind auch die fehlenden Namen und Ortsbezeichnungen im ganzen Roman. Die Figuren werden mit ihrer Funktion angesprochen. Da gibt es dann "Schwester eins" und "Schwager eins, "Vielleicht-Freund und Chefkoch" und den "Ort auf der anderen Seite der See". Ich persönlich kann mir Namen nur sehr schwer merken und fand es daher erfrischend, dass die Figuren anders benannt wurden. Die fehlenden Namen machen die handelnden Personen anonym, aber auch allgemein gültig. Anna Burns schafft damit die Übertragbarkeit des Romans auf andere Orte und Zeiten.

Ob dieses Buch ein literarisches Meisterwerk ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber es ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Beim Lesen habe ich mehrfach meine Meinung zu diesem Roman gewechselt. Ich schwankte immer wieder zwischen langweilig und unglaublich. Zum Schluss tendiere ich doch zur Leseempfehlung.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst!


Gesamtbewertung: 3/5
Cover: 4/5
Handlung: 4/5
Spannung: 4/5
Schreibstil: 3/5
Erotik: 1/5
Blogger: Readingwitch

Readingwitch

Bloggerin bei LeseHits

ReadingWitch

Kommentare

Mache den Anfang und verfasse den ersten Kommentar...
Klappentext

Milchmann

Belletristik von Anna Burns
Cover: Milchmann

»'Milchmann' ist stilistisch vollkommen unverwechselbar. In einem Moment beängstigend, dann wieder inspirierend. Überwältigend.«

Jury des Man Booker Prize

- SPIEGEL BESTSELLER

- Man Booker Prize 2018 (Fiction)

- National Book Critics Circle Award 2018 (Fiction)

- Orwell Prize 2019

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.« Mit Milchmann legte Anna Burns das literarische Großereignis des vergangenen Jahres vor. Ein Roman über den unerschrockenen Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben – weltweit gefeiert und ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize.

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

Doch was kann sie noch tun, nun, da das Gerücht einmal in der Welt ist? Milchmann ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einem Weg für sich sucht – in einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen dunklen Wahrheiten erfindet und in der jeglicher Fehltritt enorme Konsequenzen nach sich zieht.

Stimmen zur englischen Ausgabe

»Ein einzigartiger Blick auf Irland in Zeiten des Aufruhrs.«

Jury des Man Booker Prize

»Brillant. Die beste Booker-Preisträgerin seit Jahren.«

Metro

»Tiefgründige, ausdrucksstarke, eindringliche Prosa.«

Sunday Telegraph

»Auf ein solches Buch haben wir dreißig Jahre lang gewartet.«

Vogue

»Originell, witzig, entwaffnend schräg. Einzigartig.«

The Guardian

»Beeindruckend, wortstark, lustig.«

Irish Times

»Milkman blickt mit schwarzem Humor und jugendlicher Wut auf die Erwachsenenwelt und deren brutale Absurditäten.«

The New Yorker

»Dieser Roman knistert vor intellektueller Kraft.«

New Statesman

Diesen Blogartikel teilen: