Der tote Hering bleibt auf dem Teller
Der Hafen von Möwenhagen war ein Ort, an dem nichts lange verborgen blieb. Die Fischer kannten jedes Boot, die Händler jedes Gerücht, und die Möwen wussten meist schon vor Sonnenaufgang, wo am Abend ein Streit ausbrechen würde. Doch in jenem Frühjahr geschah etwas, über das niemand sprechen wollte.
Zuerst blieben die Netze leerer als gewöhnlich. Dann verschwanden die großen Heringsschwärme, die sonst wie silberne Wolken durch die Bucht zogen. Auf dem Markt wurden die Fische kleiner und teurer. Zwischen Tang und Treibholz fanden sich tote Tiere, manche mit dunklen Flecken an den Kiemen. Die Fischer schoben es auf Strömung und Wetter. Die Tiere des Hafens glaubten ihnen kein Wort.
Trotzdem sollte das traditionelle Heringsfest stattfinden. Seit mehr als hundert Jahren wurde der erste große Fang des Frühlings auf einem weißen Porzellanteller präsentiert. Der sogenannte Ehrenhering galt als Versprechen der See: Nahrung für die Menschen, Beute für die Möwen und volle Schwärme für das kommende Jahr.
Mathilda beobachtete die Vorbereitungen vom Dach der alten Hafenkneipe. Die Silbermöwe war neugierig, schnell und so beharrlich, dass manche Tiere ihr aus dem Weg gingen. Als ein Fischer den Ehrenhering aus einer Holzkiste hob, vergaß sie für einen Augenblick sogar ihren Hunger.
Der Fisch war ungewöhnlich groß. Seine Schuppen glänzten stumpf, als läge ein grauer Schleier darauf. Entlang der Kiemen verlief eine schwarze Verfärbung. Noch seltsamer war der Geruch: nicht nur Salz und Tod, sondern etwas Bitteres, Fremdes, das Mathilda an den Abfluss hinter dem alten Kühlhaus erinnerte.
Sie glitt hinunter, doch der Fischer schlug mit seiner Mütze nach ihr. „Lass den Festfisch in Ruhe!“ Mathilda landete auf einem Poller. Sie hatte den Hering nicht fressen wollen. Zumindest nicht sofort. Viel stärker als ihr Hunger war das Gefühl, dass dieser tote Fisch eine Geschichte erzählte.
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| Veröffentlichung: | 18.08.2026 |
| Höhe/Breite/Gewicht | H 19 cm / B 12,5 cm / 228 g |
| Seiten | 188 |
| Art des Mediums | Buch |
| Preis DE | EUR 12.99 |
| Preis AT | EUR 12.99 |
| Auflage | 1. Auflage |
| ISBN-13 | 978-3-565-66322-4 |
