Anarchie und Moses – Quellen des Anarchismus im Judentum und im alten Russland
Die jüdische Religion trägt bereits in der Bibel ein Potential des Anarchismus in sich. Gott selbst will, dass der Mensch frei sei. Schon deshalb, weil jeder Mensch gottebenbildlich ist, also prinzipiell frei und untereinander gleich, und andere weder unterwerfen noch sich selbst unterwerfen lassen darf. Menschengemachte Gesetze gelten erstmal als suspekt und werden hinterfragt.
Im zaristischen Regime wurde ein großer Teil der europäischen Juden wie der größte Teil der Bauern im westlichen Teil Russlands konzentriert. Hier organisierten sich Bauern seit Hunderten von Jahren in Obschtschiny. Dorfgemeinschaften, die unterhalb der staatlichen Ebene nach anarchistischen Grundsätzen funktionierten: Gemeineigentum an Boden, gleiche Verteilung, Rotation, Wahlen, Föderalismus. Juden durften zwar in Russland meist kein Land besitzen, aber sie stellten die Händler, Steuerpächter und Wirtsleute, kannten also die Gemeinschaften.
Das Regime konnte das riesige Land nicht verwalten, es kam zu Hungersnöten und Aufständen. Moskau suchte einen inneren Feind, schürte Antisemitismus. Die Not in den Schtetlech wurde unerträglich. Wer konnte, floh. 1910 gründeten russische Juden, motiviert vom Gedanken des Zionismus, im Heiligen Land am See Genezareth den ersten Kibbuz. Der Boden wurde von einer internationalen jüdischen Organisation aufgekauft und den Siedlern als Gemeineigentum zur Verfügung gestellt. Die Kibbuzniks einte das Ziel, das Land wieder urbar zu machen. Sie setzten in der Praxis die anarchistischen Grundsätze um, die sie von ihren gläubigen Vorvätern ererbt, von sozialistischen Theoretikern gelernt und in Obschtschiny erlebt hatten.
Die Kibbuzniks waren eine wesentliche Stütze des modernen demokratischen jüdischen Landes, bis die konservativen Regerungen ihnen die staatliche, politische und ideologische Unterstützung strichen. In den meisten Gemeinschaften blieben nur noch Rudimente des Anarchismus übrig. Dennoch erhielten über 60 Kibbuzim ihre anarchistischen Strukturen aufrecht, ein aktueller Beweis, dass es auch heute ohne Staat und verkrustete Bürokratie geht.
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| Veröffentlichung: | 01.06.2026 |
| Höhe/Breite/Gewicht | H 21 cm / B 14,8 cm / 316 g |
| Seiten | 252 |
| Art des Mediums | Buch |
| Preis DE | EUR 89.80 |
| Preis AT | EUR 92.40 |
| Auflage | 1. Auflage |
| Reihe | BOETHIANA 216 |
| ISBN-13 | 978-3-339-14924-4 |
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