Authentisches Zeitkolorit
„Hofer“ ist nicht das erste Buch, das ich von Joesi Prokopetz gelesen habe, auch nicht der erste Krimi, aber es ist er erste Krimi von ihm, der auf einem seiner legendären Liedertexte basiert. Der Song „Da Hofa“ aus dem Jahr 1972, Text von Joesi Prokopetz, gesungen von Wolfgang Ambros, gilt als Beginn des österreichischen Austropop. Der Songtext ist im Nachhang nachzulesen.
Bereits das bunte poppige Cover signalisiert die 70er Jahre und man wird wirklich sehr anschaulich in die damalige Zeit zurückversetzt. Für mich als Wienerin mischten sich zudem viele eigene Erinnerungen mit hinein, sowohl modischer, als auch politischer Natur. Vierteltelefon, Telefonhüttln, Wohnungen mit WC am Gang, ohne Bad, Straßenbahn mit Schaffner, Polizisten, die noch händisch den Verkehr regelten, HausmeisterInnen, die ersten Gastarbeiter, u.v.a.m. prägten auch meinen damaligen Alltag. Allerdings lebte ich in einem anderen Teil Wiens, bewegte mich weder in der aktuellen Musikszene noch im Hippie- oder Gastarbeiter-Milieu. So bot mir dieses Buch Einblicke in eine Welt, die ich nie kennengelernt habe. Was auch immer der Autor davon selbst erlebt hat oder einfach nur überspitzt erzählt, auf jeden Fall wirken die Schilderungen aus dem Leben gegriffen: wie es in manchen Lokalen zuging, welche Typen dort verkehrten, wie man an Drogen kam und an welchen Schauplätzen sie gehandelt wurden, und wie Polizeiarbeit damals funktionierte. Anmerkung am Rande: es würde mich interessieren, warum der Autor den Berufstitel „Kommissar“ verwendet, wo es diesen bei der österreichischen Kriminalpolizei m.W. nie gab.
Unterstrichen wird das Lokalkolorit vor allem durch die Sprache, deren Feinheiten der Autor beherrscht wie nur wenige. Seine Wiener Protagonisten sprechen Ur-Wienerischen Dialekt (erklärende Fußnoten sind vorhanden), gespickt mit Jiddischen Ausdrücken, die seinerzeit noch häufig im täglichen Sprachgebrauch zu finden waren, bei den Gastarbeitern mischt sich deren Muttersprache mit holprigem Deutsch. Seine Figuren – ob serbische Hausmeisterin, fanatischer Kommunist, bummelnder Student, kiffender Hippie oder dem Nationalsozialismus nachtrauender Kriminalkommissar – alle wirken lebendig und echt. So lebte und dachte man damals.
Die Krimihandlung beginnt (wie der Song) mit der Auffindung einer im Gesicht verunstalteten Leiche, die angeblich „der Hofer“ ist. Während die etwas unbedarfte Kriminalpolizei versucht, die Identität des Toten festzustellen, wird eine Gruppe junger Leute in den Fall hineingezogen, der sich interessant, mit allerlei unterwarteten Wendungen vielschichtig weiterentwickelt. Die jeweiligen Orts- und Perspektivenwechsel bzw. Vorgeschichten zu den Personen machen die Handlung abwechslungsreich und geben den Charakteren eine gewisse Tiefe.
Wer Joesi Prokopetz als Kabarettisten kennt, erwartet vielleicht etwas Humorvolles. Auch wenn ich insbesondere bei den polizeilichen Aktionen des Öfteren schmunzeln musste, so fehlte keineswegs Tragik und Dramatik. Denn es bleibt nicht bei einem Toten …
„Hofer“ ist ein gelungener Auftakt und macht Lust auf weitere Austro-Pop-Krimis.
Bookworm53
Bloggerin bei LeseHitsBookworm53
Kommentare
Hofer
Wer hat den Hofer umgebracht? Der erste Austro-Pop-Krimi.Joesi Prokopetz, Texter des Austro-Pop-Klassikers »Da Hofa« von Wolfgang Ambros, hat dessen Inhalt zu einem genialen Krimi weiterentwickelt. Er entführt in die Musik- und Drogenszene im Wien der 70er-Jahre und fesselt mit überraschenden Wendungen, lebensechten Figuren und brillanten Dialogen.