Ein Dachdeckerlehrling zu DDR-Zeiten erzählt
„Kein Wetter für Dachdecker und kleine Gänschen“ von Erdmann Gilbeau gibt einen anschaulichen Einblick in die Arbeit von Dachdeckern zu DDR-Zeiten.
Das verschiedene Wetterverhältnisse darstellende Cover passt optimal zur Thematik. Das Buch erschien 2024, die Handlung spielt Mitte der 80-Jahre in der ehemaligen DDR. Das Layout wirkt etwas unprofessionell, da kein Blocksatz verwendet wurde. Die Geschichten sind mit einfachen Zeichnungen illustriert. Was die Sprache anbelangt, so wäre ein Glossar oder Fußnoten für typisch ostdeutsche Ausdrücke hilfreich gewesen. Der Schreibstil ist generell einfach, was Details anbelangt etwas zu ausführlich. Dadurch entstehen Längen, die sich etwas mühsam lesen. Trotzdem, die Lektüre ist nicht gänzlich uninteressant. Die minutiösen Beschreibungen von Arbeitsschritten machen sehr deutlich, wie abwechslungsreich und komplex dieses Handwerk ist, wie beschwerlich und ziemlich gefährlich das Herumklettern auf Dachsparren ist. Es erfordert viel Geschicklichkeit und Kraft. Zudem müssen die Männer auch bei widrigen Wetterverhältnissen, wie Hitze und Kälte, arbeiten. Aufgelockert wird der Arbeitsalltag durch amüsante Szenen, wenn Pannen passieren oder die Gesellen dem Lehrling Streiche spielen. Interessant fand ich generell die Schilderung der Zustände und Gepflogenheiten in der DDR, wie wichtig es war improvisieren zu können, wie sorgsam man mit Material und Werkzeug umging, weil es stets Engpässe bei Baumaterial gab.
Der Autor (Jg 67) erzählt seine eigenen Erlebnisse als Lehrling. Mir hätte es besser gefallen, er hätte die Ich-Form gewählt, auch im Hinblick auf die verschiedenen Spitznamen, die die Gesellen dem Lehrling gaben. Es irritiert etwas, wenn ein und dieselbe Person abwechselnd unter einem anderen Namen agiert. Vielleicht wäre die Geschichte auch emotionaler und lebendiger geworden. So wirkt alles etwas zu distanziert. Das Arbeitsklima und die Zusammenarbeit mit den Kollegen, vom Meister über die Gesellen bis zu anderen Lehrlingen sind anschaulich charakterisiert. Als Lehrling muss er von Anfang an ordentlich zupacken, wird überall eingesetzt und gründlich angelernt. Gute Teamarbeit ist gerade in diesem Beruf wichtig, die Männer müssen sich aufeinander verlassen können, bei manchen Arbeiten hängt das Leben des einen von der verantwortungsvollen Sicherung durch den anderen ab. Generell gewinnt man den Eindruck von versierten, verlässlichen und fleißigen Handwerkern.
Ich musste mich durch die Lektüre etwas durchkämpfen. Manchmal fühlte es sich an, als wolle man die Leserschaft in den Beruf des Dachdeckers einführen, wie ein Sachbuch. Das Fachwissen, so interessant es einerseits war, andererseits hatte ich nach wenigen Seiten stets genug. Ich habe das Buch über Wochen hinweg kapitelweise gelesen. Eigentlich schade, dass es dem Autor nicht gelungen ist, etwas mit hinein zu packen, das zum Weiterlesen animiert. Denn grundsätzlich ist das Zeitbild gut dargestellt, und die Episoden und Jugenderinnerungen sind es durchaus wert festgehalten worden zu sein.
Fazit: nicht mitreißend, aber wissenserweiternd und historisch interessant, daher durchaus lesenswert.
Bookworm53
Bloggerin bei LeseHitsBookworm53
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Kein Wetter für Dachdecker und kleine Gänschen
Erdmann lebt in dem Teil Deutschlands, der sich dem Aufbau des Sozialismus verschrieben hatte.Im Jahr 1983 beendete er seine zehnjährige Polytechnische Schulbildung. Im Alter von sechzehn Jahren begann er, nicht ganz seinen persönlichen Wünschen entsprechend, mit gemischten Gefühlen eine Lehre als Dachdecker. Der Direktor seiner Schule hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Erdmanns berufliche Zukunft sorgfältig zu verbauen. Erdmann, der kein stromlinienförmiger sozialistischer Schüler war, verdiente in seinen Augen keine weitere Bildung oder gar die Chance auf eine akademische Laufbahn in der sozialistischen Gesellschaft.
Meister Gebauer und seine Gesellen, die Erdmanns Ausbildung übernommen haben, gehen dabei nicht immer mit Samthandschuhen vor. So wie jedes Dach eine neue Herangehensweise erfordert, so unterschiedlich sind die Gesellen, mit welchen Erdmann es tun bekommt. Glücklicherweise ist Erdmann mit einer großen Portion Humor gesegnet, so dass er dennoch in den meisten Fällen was zu lachen hat.