Chronologie aller Bände (1 - 3)
Die Reihenfolge beginnt mit dem Buch "Ich töte wen ich will". Wer alle Bücher der Reihe nach lesen möchte, sollte mit diesem Band von Fabio Stassi beginnen. Der zweite Teil der Reihe "Die Seele aller Zufälle" ist am 03.01.2024 erschienen. Die Reihe umfasst derzeit 3 Bände. Der neueste Band trägt den Titel "Die Seele aller Zufälle".
- Anzahl der Bewertungen für die gesamte Reihe: 18
- Ø Bewertung der Reihe: 4.23
- Start der Reihe: 01.03.2022
- Neueste Folge: 03.01.2024
Diese Reihenfolge enthält 2 unterschiedliche Autoren.
- Autor: Stassi, Fabio
- Anzahl Bewertungen: 11
- Ø Bewertung: 3.6
- Medium: Buch
- Veröffentlicht: 01.03.2022
- Genre: Krimi
Ich töte wen ich will
Das Grauen aus dem Epilog – ein büchernärrischer Junge (im Jahr 1959) im Begriff, die ersten Seiten von Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu lesen ... da, ein Geräusch. Später findet ihn der Vater mit ausgestochenen Augen und zerbrochenem Bleistift in den blutigen Händen im Korridor – gibt die Ikonographie dieses atmosphärischen Krimis vor.
Im Zentrum steht Vince Corso, ein freigestellter Studienrat mit einer bizarren neuen Profession: Er ist Bibliotherapeut. Mit tausend Zweifeln empfiehlt er seinen Klienten die passende Lektüre, quer durch die Genres, einmalig und originell, um ihnen einen Ausweg aus ihren Leiden aufzuzeigen. Sein »Pronto Soccorso Letterario« befindet sich im Dachgeschoss der Via Merulana in Rom – genau die aus Gaddas grässlicher Bescherung. Anfangs gibt er sich melancholischen Gedanken hin, seine geliebte Feng ist nach China abgereist, nicht mal ein Haar von ihr ist ihm geblieben. Zurück vom Feinkostbüdchen findet er sein Studio verwüstet, die Bücher zerfleddert, den Hund vergiftet.
In letzter Minute schafft es Vince mit Django in die Notaufnahme. Bohrende Fragen nach dem Wer und Warum von so viel blinder Gewalt. Der Hund im künstlichen Koma, banges Warten. Zufällig oder weniger, wird er Zeuge immer brutalerer Morde. Und stets taucht ein Blinder mit rotweißem Stock auf der Szene auf. Vince setzt ihm nach, wird unfreiwillig zum Detektiv. Längst schon ist er im Handlungsgeflecht einer Mörderbande gefangen, deren Versammlungsort die Verliese unterhalb Santa Maria Maggiore sind. Auf der anderen Seite hat ihn der im Abruzzen-Dialekt fluchende Kommissar Ingravallo auf die Liste der Mordverdächtigen gesetzt.
Fabio Stassi treibt ein raffiniertes Spiel, in dem Literatur und Realität verschwimmen: Da kullern Köpfe unter Straßenbahnen hervor, wird reichen Damen in der Via Merulana die Kehle aufgeschlitzt, ein Häftling namens Queequeg schreibt an Vince aus der Haftanstalt Regina Coeli, französische Chansons geleiten uns durch die Kapitel und der melancholische Vince selbst ist ein Suchender, schreibt regelmäßig Briefe an den Vater, den er nie kennengelernt hat. Ein vielschichtiges Buch, das Höchstspannung mit dem Vergnügen der literarischen Spurensuche verbindet und die Leser durch seine dichte Atmosphäre in den Bann zieht. Und nicht zuletzt ein Buch für alle, die einem Rom jenseits der Klischees verfallen sind – auch eine Liste von Vince Corsos Spaziergängen durch die Stadt ist zu finden.
In jener Nacht Ende Juni, so sagte Vince Corso später aus, habe er geträumt, dass ein Schwarm Nachtfalter aus dem Portal der Basilika Santa Maria Maggiore strömte und die Straßen Roms heimsuchte. Ein unwichtiges Detail, aber es war das erste, was ihm einfiel, als er sämtliche Ereignisse jenes Tages nacheinander erzählen sollte. Er hatte damit beginnen müssen, dass die Diebe zwischen Mittag und zwei Uhr nachmittags in seine Wohnung eingedrungen waren, und dass die Tür auf den ersten Blick keine Spuren von Gewaltanwendung zeigte …
- Autor: Sciascia, Leonardo
- Anzahl Bewertungen: 3
- Ø Bewertung: 4.1
- Medium: Buch
- Veröffentlicht: 01.03.2023
- Genre: Roman
Die Affaire Moro. Ein Roman
»Die Affaire Moro«, so Sciascia, »wird im Laufe der Zeit einen immer größeren Wahrheitsgehalt, immer mehr an Bedeutung erlangen.«
Sciascia stellt sich in diesem Roman der schwierigen Frage: Was ist die Literatur, anders gesagt, was ist sie neben der Geschichte und der Chronik, der Vergangenheit und der Gegenwart, was ist sie bezogen auf die Wirklichkeit und die Wahrheit? Er unternimmt eine Schreibbewegung, die (im Stile eines Borges) die Realität erfindet; erzählend erkennt, dass das Buch bereits geschrieben war, als sich die Tragödie ereignete.
Noch bevor der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Fall Moro, dem Sciascia dann angehörte (Bericht der parlamentarischen Minderheit, im Anhang des Buchs) den bis heute nicht endgültig geklärten Fall Moro neu bewertete, hatte er den beinahe religiös-existenziell grundierten Band Die Affaire Moro veröffentlicht (…) und dargelegt, wie die Christdemokraten ihren Vorsitzenden, den langjährigen Ministerpräsidenten und Architekten des compromesso storico im Stich gelassen, seine Äußerungen [gezielt] missverstanden hatten: eine Befreiung durch die Ordnungskräfte sei zu keiner Zeit angestrebt worden.
Der historische Kompromiss – die Annäherung zwischen Christdemokraten und Kommunisten bedeutete für Sciascia das Grundübel der italienischen Politik: der ewige Transformismus, das immer neue Grüppchenbilden, Sich-Arrangieren, Herumlavieren. Was niemals (und gewollt) zu einer grundlegenden Änderung der Politik führt. »Ein Intellektueller aber«, so Sciascia, »sollte sich stets zur Opposition berufen fühlen.« Die unverkennbare Stimme des großen unbestechlichen, unbequemen Aufklärers.
Mit der 2022 einsetzenden Veröffentlichung von Moros ebenfalls im »Volksgefängnis« verfassten Memoriale ist die von Sciascia dargelegte Theorie einer »Zusammenarbeit« zwischen Staaten und kriminellen Banden von unerhörter Aktualität. Heute wissen wir: die allmächtige Geheimloge P2 hielt die Fäden der Affaire in der Hand; ein Jahr nach Sciascias Tod (1989) platzt der Skandal um die klandestine NATO-Organisation Gladio.
»Es ist das Buch, das Pasolini vielleicht geschrieben hätte, wäre er nicht drei Jahre vor Moro ermordet worden.« (Fabio Stassi)
- Autor: Stassi, Fabio
- Anzahl Bewertungen: 4
- Ø Bewertung: 5.0
- Medium: Buch
- Veröffentlicht: 03.01.2024
- Genre: Thriller
Die Seele aller Zufälle
»Sie sind ein Experte, nicht wahr?«
Unvorhersehbar wie die ersten Frühlingsregen war die Frau in meiner Einzimmerwohnung erschienen. Das Licht der letzten Märztage hatte die Einwohner Roms kaum überrascht, als sie aus den Metrostationen kommend, in das Fieber dieser mittlerweile von Antennen, Schmutz und Perversionen verstopften Stadt eintauchten.
Die Frau hatte das Zimmer gemustert, mit der unwillkürlichen, souveränen Gleichgültigkeit, zu der ein weibliches Auge fähig ist, und in einem einzigen, entscheidenden Rundblick jedes Detail erfasst: den Deckenbogen, das Plakat von Buster Keaton, als Sherlock Holmes verkleidet, das Bett auf dem Hängeboden, die Kochnische im Hintergrund. Ich bin sicher, dass sie mir mit einer minimalen Fehlerquote hätte sagen können, was ich im Kühlschrank hatte. Es war nicht viel: ein offenes, schal gewordenes Bier, zwei Eier, eine Packung Gemüsehamburger und ein Schälchen Panna cotta. Die erbarmungslose Röntgenaufnahme einer Einsamkeit, wie es viele gibt.
Das nächste römische Abenteuer des melancholischen Bibliotherapeuten Vince Corso – an seiner Seite der stumme Hund Django; gerne würde er seiner grenzenlosen Liebe zur Literatur eine radikale Wendung geben: die Literatur endgültig die Stelle der Wirklichkeit einnehmen lassen … diesmal mit weniger blutigen Mitteln.
Er, der vom Leben gebeutelte Liebhaber französischer Chansons und letztlich nicht unzufrieden mit seiner prekären, desto freieren Existenz, empfängt in seiner römischen Dachgeschosswohnung in der Via Merulana meist weibliche Klienten; nur einmal verschafft sich ein rechtsradikaler Fremdenhasser mit einem Trick Zutritt bei ihm … da war er an der richtigen Adresse!
Eines Tages stellt eine Besucherin ihn vor ein schier unlösbares Rätsel: Ihr an Alzheimer erkrankter Bruder, ehemals polyglott, großer Bibliophiler und Weltreisender, wiederholt immer wieder gewisse Sätze – womöglich Zeilen aus einem Roman, in dem er sein Testament versteckt hat? Vince erhält Zugang zur Bücher-Wunderkammer des Alten und gerät immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus unendlich kombinierbaren Zeichen und Verdachtsmomenten. Ist der Alte ein genialer Betrüger – oder braucht er Vinces Hilfe? Was hat es mit der schönen und klugen Chinesisch-Lektorin Feng auf sich, deren Bekanntschaft Vince bald macht? Und wohin treibt die Stadt Rom im beunruhigenden Licht dieses kalten Frühlingsanfangs? Eine atmosphärische, schwindelerregende Lektüre mit überraschendem Ausgang.


