Protagonisten
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Thema: Protagonisten
Mae Holloway und Jules Calder gehen sehr unterschiedlich mit Situationen um, besonders dann, wenn Dinge unklar, uneindeutig oder schwer einzuordnen sind.
Mich würde interessieren:
– Wie habt ihr Mae und Jules in diesem Band erlebt?
– Gab es Entscheidungen oder Reaktionen, die euch besonders nachvollziehbar oder auch irritierend erschienen?
– Hat sich euer Eindruck der beiden im Verlauf der Geschichte verändert? Oder ggf. im Vergleich zu Band 1?
Im Band 1 hat man Mae und Jules schon gut kennen gelernt. Aber ich finde, in Band 2 sind die Charaktere noch besser ausgearbeitet. Sie ergänzen sich, wie schon im ersten Teil, sehr gut, obwohl sie so unterschiedlich ticken. Und man merkt, dass Jules die Dinge gar nicht immer so locker nimmt, wie er tut.
Den Ausschnitt aus Jules Reisetagebuch fand ich eine sehr gute Idee. Und auch Moiras schottischen Dialekt, der in Band 1 so noch nicht war. In diesem Zusammenhang auch vielen Dank für das kleine Wörterbuch ganz hinten, das ist wissenswert.
Noch ein Nachtrag, nachdem ich das Buch fast durchhabe: Ich finde es sehr vernünftig von Jules, dass er darauf besteht, dass Mae das Steuer übernimmt. Er traut sich nicht so viel zu, und wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn er weiter der steuernde Pilot geblieben wäre. Ein guter Pilot ist der, der seine Grenzen kennt.
Was mir an Mae in Band 2 noch deutlicher als in Band 1 auffällt, ist ihre sehr systematische Art zu denken und zu kommunizieren. Sie spricht selten, und wenn sie spricht, dann meist mit einem klaren Informationszweck. Smalltalk scheint für sie kaum Bedeutung zu haben. Das sieht man gut in der Szene im Café. Wo Jules eigentlich nur plaudern will, während Mae sofort beginnt, den Kaffee technisch zu analysieren. Ganz auffällig ist auch ihr Infodump über Eispisten.
Und dann ihr starker Fokus auf Systeme und Abläufe. Sie denkt automatisch in Alternativen, Redundanzen und Worst-Case-Szenarien. Ihr Satz, dass nicht die Frage sei, ob etwas schiefgeht, sondern wann, ist sehr aussagekräftig.
Interessant finde ich auch die sensorischen Details. In der Forschungsstation nimmt Mae sofort das unregelmäßige Geräusch des Ventilators wahr und kann es nicht ausblenden. Solche Dinge fallen vielen anderen Figuren offenbar gar nicht auf.
Außerdem wirkt ihre Kommunikation mit Jules sehr typisch für jemanden, der Sprache eher funktional nutzt. Sie antwortet auf Aussagen sachlich und präzise. Jules spricht oft eher sozial oder humorvoll.
Insgesamt habe ich beim Lesen mehrfach gedacht, dass Mae ziemlich klar autistisch sein könnte, auch wenn das im Text nie ausdrücklich gesagt wird. Viele ihrer Verhaltensweisen wirken für mich sehr vertraut. Ich bin autistisch und habe bisweilen den Eindruck, dass der Text auch mich sehr gut beschreiben könnte. Gerade deshalb finde ich sie als Figur besonders glaubwürdig und angenehm anders als viele typische Thriller-Protagonisten.
Wenn mein Eindruck richtig ist, ist das gut gemacht. Wenn es wirklich beabsichtigt ist, dann ist Mae nicht als Klischee-Autistin dargestellt wie Sheldon Cooper, sondern halt echt.
Bitte, ich bin neugierig! Hab ich Recht? Es kann nicht zufällig sein, oder etwa doch?
Zur Thematik Autismus wollte ich mich eigentlich nicht vor dem dritten Band äußern und will diesen auch gar nicht spoilern. Daher sage ich mal: Ja, ihr denkt in die richtige Richtung. Genau so soll Mae wirken (und Jules soll ganz bewusst der "Gegenpol" sein).
