Anarchie
„Seit sie auf ihrer Jungfernfahrt im Jahre 1602 ein portugiesisches Schiff geentert und gekapert hatte, war Gewalt ihr Mittel der Wahl, um ihre Ziele zu erreichen.“ So charakterisiert der Autor William Dalrymple das britische Handelsunternehmen EIC in seinem Buch Anarchie, der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600 – 1874. Anarchie ist die Geschichte der britischen Version der europäischen Handelsgesellschaften, die seit Anfang des 17. Jahrhunderts auszogen, um unter dem ideologischen Deckmantel des „Freien Handels“ die Welt auszuplündern.
Gewalt als Quelle des Profits
Auch die Ostindischen Kompanien der anderen europäischen Mächte waren beim Einsatz von Gewalt zum Erreichen ihrer Ziele nicht zimperlich, doch keine hatte so weitreichende Privilegien und staatliche Machtbefugnisse erhalten, wie die EIC. Im Ergebnis herrschte ein ausschließlich der Profitmaximierung verpflichtetes Privatunternehmen über den gesellschaftlich zugrunde gerichteten und ausgeplünderten indischen Subkontinent auf der einen Seite und in Bezug auf die eigenen Interessen auch über das britische Parlament und die Regierung. Die EIC bestach Parlamentarier, ihre Protagonisten kauften sich auch selbst Abgeordnetensitze und am Ende hatten sie sich mit Staatskrediten zum systemrelevanten Unternehmen gemausert, das trotz selbst verursachter nationaler Wirtschaftskrise „to big to fail“ war.
Kampf der Kulturen
Die historischen Daten dieser Geschichte und der nur dem Profit und der persönlichen Bereicherung der Protagonisten dienenden privatwirtschaftlichen Herrschaft über den indischen Subkontinent sind weitgehend bekannt. Ihre Interpretation und historische Einordnung in die Kolonialgeschichte, ist jedoch bis heute weitgehend von der Verdrängung des staatlichen Versagens und der Natur kapitalistischer Ökonomie geprägt. Und genau hier setzt William Dalrymple an. Detailliert und opulent entwickelt er ein Bild der Ereignisse im Indien des 17. bis 19. Jahrhunderts, berichtet von höfischen Intrigen und Verrat, von Schlachten und Massakern, von Grausamkeiten und Korruption, von Kulturen und ihrem Untergang, von Reichen, Herrschern und Geschäftsleuten und nicht zuletzt von einem Handelsmonopol, das eine ganze Nation zu erpressen in der Lage ist.
Bislang unerschlossene Quellen
Dalrymples Stärke besteht aber nicht nur in der Wort-und Bildgewaltigkeit bei gleichzeitig analytischer Genauigkeit seiner Bücher, sondern auch in der Erschließung von nicht allgemein zugänglichen Quellen. So hat er sich vor allem den zum Teil noch immer schlecht erschlossenen Dokumenten der EIC in Kalkutta gewidmet. Dort lagern die „vielfach umfangreicheren und aufschlussreicheren“ ( als im Keller der British Library in London) Dokumente aus dem indischen Hauptquartier, unter denen der Autor u.a. originale Geheimdienstberichte oder „Clives erste Depesche vom Schlachtfeld bei Palashi“* gefunden hatte. Doch besonders Spannend sind natürlich die bislang weder übersetzten noch publizierten persischsprachigen historischen Schriften und viele andere bisher unerschlossene islamische und französische Quellen, die, von einem Mitarbeiter des Autors übersetzt, in das Buch Einzug gefunden haben.
Die Erfinderin des Konzernlobbyismus
Erst mittels der umfangreichen Zitate aus all diesen Quellen gelingt es Dalrymple die Lesenden in die Ereignisse der EIC-Zeit in Indien hineinzuziehen und die unterschiedlichen handelnden Persönlichkeiten, ihre Gedankenwelten, Interessen und Zwänge, die Grundlagen und Folgen ihrer Entscheidungen zu veranschaulichen. Damit durchbricht er die immer noch vorherrschende eurozentrische Sicht kolonialen Handelns und bietet den Lesenden eine neue, wichtige Perspektive. Wichtig allein deshalb, weil dieses historische Kapitel ein Lehrstück in Sachen Wirtschaft, Gesellschaft und die Frage der stattlichen Kontrolle darstellt. „Man geht gewiss nicht fehl“, so Dalrymple in seiner Einführung, „wenn man behauptet, dass die East India Company den Konzernlobbyismus erfunden hat.“ und in seinem Epilog resümiert er: „Der westliche Imperialismus und der unternehmerische Kapitalismus entstanden zur selben Zeit, und gemeinsam waren sie gewissermaßen die Drachenzähne, aus denen die moderne Welt entstand.“
Ein Lehrstück
Tatsächlich regt die Lektüre dieses Buches zum Nachdenken an und ist damit ein hervorragendes Beispiel dafür, welchen Bezug Geschichte zur Gegenwart und Zukunft hat. Gerade angesichts der heutigen Situation, in der sich alle Politik auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit konzentriert, sollte das Buch Anarchie als Lehrstück begriffen werden, was passiert, wenn der Staat auf die Kontrolle privater Unternehmen verzichtet. Denn heute sollen globale Unternehmen von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung beispielsweise durch die Abschaffung des Lieferkettengesetzes befreit werden, Wirtschafts- und Unternehmenslobbyisten bekleiden Ministerämter, die US-Amerikanischen tech-Giganten greifen nahezu unreguliert nach der Herrschaft über Gesellschaften und Staaten, Menschenrechte werden zur Disposition gestellt und vieles mehr.
*Robert Clive, 1. Baron Clive, 1755 stellvertretender Gouverneur von Fort St. David nahe der indischen Koromandelküste und 1757 Kommandeur der Company-Streitkräfte bei Palashi, bei der er den letzten unabhängigen Herrscher von Bengalen besiegte und damit die EIC-Herrschaft in Indien begründete.
Wolfgang Schwerdt
Blogger bei LeseHitsBücher zu Kulturgeschichte, Seefahrt, Mensch-Tier-Studien und me(h)er.
Kommentare
Anarchie
Die British East India Company war der unrühmliche Vorreiter kolonialistischer Ausbeutung eines ganzen Subkontinents. Indien wurde im 17. und 18. Jahrhundert nicht etwa von einem anderen Staat unterworfen, sondern von einer gewinnorientierten Privatfirma mit Sitz in London. In einem großen historischen Panorama erzählt der mehrfach Bestsellerautor William Dalrymple den beispiellos blutigen Aufstieg der Company zur dominierenden Welthandelsmacht filmreif nach. Dabei berücksichtigt er zum ersten Mal auch die indische Perspektive und macht so diese Ursünde des britischen Kolonialismus in all ihrer Grausamkeit verständlich.
Im Oktober 1764 besiegte die East India Company den jungen Mogulkaiser Shah Alam II. auf dem Schlachtfeld und setzte eine eigene Regierung ein, die über den indischen Subkontinent herrschte. Diese wurde von englischen Kaufleuten geführt und trieb mit Hilfe einer eigenen Armee Steuern ein. Von diesem Zeitpunkt an war die Company keine bloße Handelsfirma mehr, sondern wurde zur aggressiven Kolonialmacht. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte unterwarf sie dann fast ganz Indien südlich von Delhi und wurde zum unrühmlichen Vorreiter kolonialistischer Ausbeutung. Im glänzend erzählten Buch von William Dalrymple kommt nun auch die Perspektive der Moguln und Einheimischen zu ihrem Recht. Der Autor hat zahlreiche unveröffentlichte Quellen auf Urdu, Persisch und Punjabi ausgewertet und kann die dramatischen Ereignisse so auch durch die Augen der Beteiligten zum Leben erwecken.