Der Elefant, der sich sein Kopfkissen bastelte
Die Erkenntnis, dass auch nichtmenschliche Tiere, insbesondere Säugetiere, Lebewesen mit Intelligenz, Lernfähigkeit, Charakter und Individualität sind, hat sich bei vielen Menschen schon herumgesprochen. Und wer mit einem geliebten Haustier zusammenlebt, der hat in der Regel ohnehin keinen Zweifel daran, welche intellektuellen und kommunikativen Fähigkeiten so ein nichtmenschliches Familienmitglied an den Tag legt. Doch solche erfahrungsbasierten Erkenntnisse wurden in der Wissenschaft lange Zeit ignoriert oder bestritten. Der Zoologe Walter A. Sontag beschreibt nun in seinem Buch nicht nur, wie sich die wissenschaftliche Erforschung des Tierverhaltens und -bewusstseins entwickelt hat und zu welchen erstaunlichen Ergebnissen die Forscher inzwischen gelangt sind.
Ein Stück Wissenschaftsgeschichte
Sowohl chronologisch als auch thematisch sorgfältig aufeinander aufbauend präsentiert der Autor eine geradezu überwältigende Fülle von Forschungsansätzen, Experimenten und Beobachtungen. Dabei streift er quer durch alle Teile des Tierreiches, von den sogenannten Einzellern bis hin zu den Primaten. Doch zunächst stellt er kurz die philosophische Grundlagen der wissenschaftlichen Erforschung des Tierreiches dar, die sich vom Verständnis des Tieres als gewissermaßen triebgesteuerten „Mechanismus“ zum intelligenten und empfindungsfähigen Lebewesen entwickelt hat, zumindest was die sogenannten „höheren Tiere“ betrifft. Zu den philosophischen Grundlagen gehören ebenfalls methodische Fragen, wie Vermeidung der Vermenschlichung der tierlichen „Studienobjekte“, emotionale Distanz, naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden versus Feldstudien und anderes mehr. Auch hier stellt der Autor das ganze Spektrum vor, von beispielsweise operativen Eingriffen in die Gehirne intelligenter Lebewesen zum Verständnis der neuronalen Funktionsweise, über Versuchsanordnungen im Labor bis zu Beobachtungen an Zootieren oder eben in „freier Wildbahn“.
Unterschiedliche evolutionäre Lösungen, ähnliche Ergebnisse
Die Erkenntnisse der Forschung werden durch zahllose Beispiele untermauert, wie etwa mit der Geschichte des titelgebenden Elefanten, der sich sein Kopfkissen bastelte. Dahinter steht nicht nur eine kreative Leistung, sondern auch die persönliche Entscheidung des Individuums, das pflanzliche Material nicht zu verspeisen, sondern eben als Kopfkissen zu verwenden. Apropos Kopfkissen. Nicht nur wir Menschen brauchen unseren Schlaf, auch die Tiere. Und zwar nicht nur unsere nächsten Verwandten, sondern sogar Insekten. Walter A. Sontag führt unzählige Beispiele auf, die die Lesenden verblüffen dürften. Etwa dafür, dass nicht nur Vögel oder Fische trotz völlig unterschiedlicher Gehirnstrukturen zu im Prinzip vergleichbaren intellektuellen und emotionalen Leistungen wie wir Menschen fähig sind. Schmerzempfinden, emotionale Intelligenz, individuelle Entscheidungsfähigkeit, innerartliche und zwischenartliche Kommunikation, Planung, Zeitempfinden, Lernfähigkeit, Adaption und sogar Abstraktion und Empathie scheinen nach bisherigem Forschungsstand im gesamten Tierreich, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, weit verbreitet.
Eine Fülle an Informativen Mosaiksteinchen
Die Ausführungen weisen eine unglaubliche Informationsdichte auf und erfordern auch wegen des ständigen hin und her Springens zwischen unterschiedlichen Tierarten und Klassen eine hohe Konzentration. Doch am Ende der Lektüre ergibt sich schließlich ein Gesamtbild, das die bisherige Mensch-Tier-Unterscheidung in Frage zu stellen in der Lage ist und Anlass gibt, das Mensch-Tier-Verhältnis gewissermaßen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Feststellung, dass Tiere auch innerhalb ihrer jeweiligen Spezies eigenständige Persönlichkeiten mit differenzierten Charakteren, Vorlieben und Temperamenten sind, ist diesbezüglich sicherlich hilfreich. Doch die daraus resultierenden ethischen Fragen kommen mir in dem Buch des Zoologen deutlich zu kurz. Die ergeben sich gerade vor dem Hintergrund der abschließenden Erkenntnisse auch in Bezug auf die teilweise fragwürdigen Experimente, die im Buch eher „wissenschaftlich neutral“ vorgestellt werden.
Persönliches Resümee
Und mir ganz persönlich geht nach der Lektüre (und natürlich persönlichen Erfahrungen) die Frage nicht aus dem Kopf: Warum ist Mensch eigentlich davon ausgegangen, dass nichtmenschliche Tiere keine der Tierart Mensch prinzipiell vergleichbaren intellektuellen, kognitiven, kommunikativen und emotionalen Fähigkeiten (einschließlich Schmerzempfinden, Trauer etc.) haben? Die Antwort darauf wird man ganz sicher nicht durch Operationen an Gehirnen der nichtmenschlichen Tiere oder durch Experimente mit Primaten, Vögeln oder anderen Wirbeltieren finden.
Wolfgang Schwerdt
Blogger bei LeseHitsBücher zu Kulturgeschichte, Seefahrt, Mensch-Tier-Studien und me(h)er.
Kommentare
Der Elefant, der sich sein Kopfkissen bastelte
Tiere verstehen - eine neue Psychologie
In den letzten Jahren hat sich in der Wissenschaft ein besseres Verständnis für das Verhalten vor allem wilder Tiere herausgebildet. Neue Fragestellungen kamen auf: Was treibt Tiere an? Wie lernen sie? Wie treffen sie Entscheidungen? Haben Tiere Erwartungen? Spüren sie Enttäuschung? Empfinden Tiere Empathie? Haben sie Zweifel? Was bedeutet Freiheit für ein Tier? So rückte das einzelne Tier ins Zentrum der evolutionsbiologischen Forschung - ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Intelligenz, Emotionen und Persönlichkeit.
In einigen Situationen drängt sich die Frage auf, ob zumindest manche Tiere über einen «Sinn für Fairness» verfügen oder ihn entwickeln können. Im klassischen Laborexperiment dazu werden beispielsweise zwei Rhesusaffen oder zwei Papageien in benachbarten Käfigen Futterstücke präsentiert, die sie gegen Jetons eintauschen können. Allerdings sind die angebotenen Bissen sichtlich verschieden, sodass das eine Tier eine weniger begehrte Kost in Aussicht hat als sein Nachbar. Die paarweisen Vergleiche unter sogenannten intelligenten Tierarten - Affen, Papageien und Krähenvertretern - führten zu vollkommen widersprüchlichen Ergebnissen. Das Wiener Forschungsduo Claudia Wascher und Thomas Bugnyar nahm sich Rabenkrähen und Kolkraben vor. Die benachteiligten Individuen tauschten ihr «Wechselgeld» nicht gegen das im Vergleich zu ihren Nachbarn unterwertige Angebot. Auch Kapuziner- und Rhesusaffen schlugen die minderwertigen Belohnungen aus. Genauso lehnten dies Ratten ab. Sie alle legten damit eine Aversion gegen ungleiche Behandlung an den Tag. Demgegenüber ließen etliche andere Arten, wie Nachtaffen und die sonst so gelehrigen Geradschnabelkrähen und Keas, die Ungleichbehandlung anstandslos zu.