Wolfgang Schwerdt

kulturstrom

Der Spatz

07.10.2026 – 16:13 Uhr
Cover: Der Spatz

Keine Frage: der Haussperling ist einer der intelligentesten Vertreter seiner Familie. Ob er tatsächlich einen besonderen Faible für die indoeuropäische Sprachfamilie hat, darf allerdings bezweifelt werden. Dennoch ist der Zusammenhang des Verbreitungsgebietes des geselligen Kulturfolgers mit dem der indoeuropäischen Sprachfamilie unübersehbar. Für den norwegischen Evolutionsbiologen Glenn-Peter Saetre war diese Auffälligkeit jedenfalls Anlass, sich der Entwicklungsgeschichte des Haussperlings über die kulturgeschichtliche Dimension zu nähern.

Ein zwitschernder Kulturfolger

Es ist sicherlich nicht überraschend, dass es dann wohl weniger die Feinheiten indoeuropäischer Sprachen, sondern doch eher das Getreide und die Pferdeäpfel waren, die die Haussperlinge dazu veranlassten, den indoeuropäischen Völkerschaften bei ihrer Verbreitung über den alten Orient und Europa und letztendlich auch in die neue Welt zu folgen. Doch die kulturgeschichtliche Dimension, mit der der Autor seine LeserInnen in die Welt der Spatzen einführt, ist eine sehr schöne Methode, um die engen Zusammenhänge zwischen menschlicher und tierlicher Evolution am Beispiel dieses kleinen, früher allgegenwärtigen Vogels zu veranschaulichen.

Komplexe zwischenartliche Beziehungsdynamiken

Vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Entwicklungsstränge befasst sich der Evolutionsbiologe auch mit den Themen der Artenbildung. Wie wurde der Spatz überhaupt zum Haussperling, was hebt ihn gegenüber seinen nächsten Verwandten, dem Feld- und dem Weidensperling hervor oder wie wirken sich die Interaktionen zwischen den Sperlingsarten und ihrer Umwelt auf die Artenbildung- und Entwicklung und die jeweilige Verbreitung aus?

Und immer wieder kommt, schließlich geht es ja um den Haussperling, der Mensch ins Spiel. Sei es als Fan, sei es als Feind. So erfahren die LeserInnen über bewusste Translokationsprojekte im Rahmen von Kolonialisierungen, u.a. weil der Spatz als Nützling bei der Schädlingsbekämpfung angesehen wurde. Andererseits musste er massive Ausrottungskampagnen über sich ergehen lassen, weil er nun einmal das sehr effektiv tut, was ein Spatz eben tut, nämlich Körner und damit auch mal ganze Felder leerfressen.

Anpassungswunder auf dem Rückzug

Im Grunde ist der kleine Vogel mit großer Geschichte ein Anpassungswunder. Ob in steinzeitlichen Siedlungen, mittelalterlichen Städten oder Metropolen der industriellen Revolution, überall fand er Wege, sich an die neuen Lebensräume anzupassen. Es ist ihm auch immer wieder relativ schnell gelungen, sich auch biologisch auf neue Lebensmittelquellen einzustellen. Doch irgendwann kommt auch der Haussperling in unserer „modernen“ naturkastrierten Welt an seine Grenzen. Nahrungsverknappung durch Flächenversiegelung, das insektenfeindliche Kurzhalten der Rasenflächen Verminderung der Nistmöglichkeiten durch Fassadenabdichtung machen dem kleinen geselligen Vogel das Leben schwer. Und so sind seine Bestände in vielen Regionen unseres Landes rückgängig.

Human-animal-studies at its best

Glenn-Peter Saetres Buch ist eine gelungene Mischung aus Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und vielen lebendigen Beispielen. Es beschreibt unterhaltsam und spannend am Beispiel des „Allerweltvogels“ wie eng kulturelle und biologische Evolution aller Spezies miteinander verzahnt sind. Und wer beispielsweise die Geschichte, wie eine Spatzenhorde die Lichtschranke der Tür zu einem Einkaufszentrum gezielt überwindet, um dort ihre täglichen „Raubzüge“ zu veranstalten, der dürfte die geschwätzigen Kerle nach der Lektüre mit anderen Augen sehen. Alles in allem ein Buch, dass nicht nur das Spatzen- sondern auch das Naturverständnis insgesamt zu vertiefen in der Lage ist.


Gesamtbewertung: 5/5
Spannung: 4/5
Blogger: Wolfgang Schwerdt

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Klappentext

Der Spatz

Sachbuch von Glenn-Peter Saetre
Cover: Der Spatz

Im Laufe der Jahrtausende war und ist der Haussperling ein treuer Begleiter des Menschen – ein kleiner und scheinbar unbedeutender Vogel, doch mit einer unglaublichen Fähigkeit, sich an die von uns geschaffenen Lebensräume anzupassen. Glenn-Peter Sætre enthüllt, wie der Hausspatz die Entwicklung der Menschheit begleitet hat – von uralten Agrargesellschaften bis hin zu den heutigen Metropolen.
Von der bronzezeitlichen Indus-Kultur bis ins antike Athen, von den neonblinkenden Boulevards von Las Vegas bis zu den eisigen Bahnhöfen Sibiriens – überall taucht der Haussperling auf. Warum gerade dieser kleine Vogel die Zivilisation eroberte, enthüllt Sætre, indem er die engen Verbindungen der Art zur menschlichen Kultur, Migration und Geschichte aufzeigt und zugleich Einblicke in die raffinierten Mechanismen der Evolution und die Anpassungsfähigkeit des Haussperlings gibt.
Mehr als ein Naturbuch: mitreißend, inspirierend und voller überraschender Einsichten

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