Geschichte Namibias
Während in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts die meisten der afrikanischen Kolonien der europäischen Mächte mehr oder weniger konfliktbelastet in die Unabhängigkeit entlassen wurden, zog sich der Befreiungskampf der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika noch bis ins Jahr 1990 hin. Henning Melber erzählt diese Geschichte gewissermaßen als Insider und eröffnet den Lesenden damit spannende Einblicke.
Das koloniale Afrika
Bereits vor der Afrikakonferenz 1884/85 auf der der Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde, waren die indigenen Ethnien in Bewegung geraten. Das hatte nicht nur mit der teilweise ohnehin migrationsfreudigen Bevölkerung zu tun, sondern auch mit der bereits seit dem 17. Jahrhundert erfolgten Kolonialisierung Südafrikas durch die Holländer und Briten und die damit verbundene Vertreibung der indigenen Bevölkerung.
In diese Umbrüche und Migrationsbewegungen hinein wurde 1884 das heutige Namibia (nach einer entsprechenden unrühmlichen Vorgeschichte) zum „Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika“ mit seinen willkürlich festgelegten Grenzen, Völkermorden und ab 1905, wie der Verfasser des Buches beschriebt, dem Erlass von „Eingeborenenverordnungen“ als erste Herrschaftsform von Apartheid.
Im Würgegriff des Völkerrecht-Mandats
Nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft 1915 wurde die Verwaltung des Gebietes als sogenanntes C-Mandat an Großbritannien übertragen und von diesem an die Union von Südafrika delegiert. Ein C-Mandat gewährte dem „verwalteten“ Gebiet die geringste Autonomie und ein Mandat im Verständnis des damaligen Völkerbundes hatte die „'Übertragung der Vormundschaft' über Völker, die sich nicht selbst zu leiten vermögen, 'an die fortgeschrittenen Nationen' “ zum Inhalt. Die Union, die sich 1961 als Republik Südafrika gewissermaßen von Großbritannien unabhängig machte, hatte mit dem 1968 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in Namibia umbenannten Land allerdings andere Pläne als die Begleitung in die Unabhängigkeit.
Verdrängt, verkannt, „vergessen“
Und an dieser Stelle kommen auch meine persönlichen Erinnerungen an die Zeit des Namibischen Befreiungskampfes ins Spiel. Erinnerungen an Nachrichten über die Befreiungsbewegung SWAPO, das südafrikanische Apartheidregime, an Zwangsumsiedlungen, Massaker oder Feldzüge der südafrikanischen Armee und vieles mehr. Ich erinnere mich auch an die gesellschaftliche Stimmung hierzulande, bei der die rassistischen Vorurteile aus der Kolonial- und Nazizeit oft Bewertungsmaßstab der Ereignisse waren. Vieles dessen, was in den Verdrängungsprozessen kolonialer Herrschaftsverbrechen, dem Kalten Krieg mit seinen zahllosen weltweiten Stellvertreterkriegen der 60er und 70er Jahre oder der Wiedervereinigungseuphorie hinsichtlich der politischen Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent untergegangen ist, findet in Henning Melbers „Geschichte Namibias“ ihren Niederschlag.
Meine Leseempfehlung
Als deutschstämmiger Namibier und von 1974 bis 2025 Mitglied der Südwestafrikanischen Volksorganisation (SWAPO), der ursprünglichen Befreiungsbewegung und heutigen Regierungspartei weiß der Politologe und Soziologe wovon er redet, auch wenn er die Geschichte der letzten Jahrzehnte des nun freien Landes beschreibt, die den meisten Menschen hierzulande als exotisches Urlaubsland mit „besonderen“ Verbindungen zu Deutschland bekannt ist. Auch wenn der Schwerpunkt des Buches auf der kolonialen Vergangenheit, dem Befreiungskampf und der demokratischen Gegenwart liegt, spannt er doch den Bogen von der Frühgeschichte über die vorkoloniale Migration bis heute. Natürlich kann dies nur ein Abriss sein, ist aber für das Verständnis der Geschichte Namibias durchaus von Bedeutung. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
Wolfgang Schwerdt
Blogger bei LeseHitsBücher zu Kulturgeschichte, Seefahrt, Mensch-Tier-Studien und me(h)er.
Kommentare
Geschichte Namibias
Von "Deutsch-Südwestafrika" bis zur Unabhängigkeit: Ein Traumland und seine Traumata
Wer nach Namibia kommt, ist überwältigt von der Weite des Landes, beeindruckt von den unzähligen Zeugnissen vergangener Kulturen, könnte verwundert sein über die weithin sichtbaren Spuren deutscher Kultur und sprachlos angesichts der erbarmungslosen Kolonialherrschaft in "Deutsch-Südwestafrika". Henning Melber erzählt die Geschichte Namibias von den frühen Gesellschaften über die koloniale Unterdrückung und die demütigende Apartheid bis zur demokratischen Gegenwart. Ein eindrucksvolles, so kritisches wie hoffnungsvolles Porträt eines großen, endlich freien Landes, dessen Geschichte vielfältig mit der deutschen verwoben ist.
Das Land, das heute Namibia heißt, kann auf eine jahrtausendealte Kulturgeschichte blicken. Doch seit dem 18. Jahrhundert wurden die hier lebenden Gesellschaften von europäischen Walfängern, Händlern, Siedlern und Missionaren bedrängt, und schließlich etablierte das Deutsche Kaiserreich seine brutale Kolonialherrschaft, die mit dem Völkermord an den Herero und Nama den Tiefpunkt erreichte. Der ungebrochene Widerstandsgeist der Namibier zeigte sich konsequent seit den 1960er Jahren, als der Kampf gegen die südafrikanische Besatzung und Apartheidpolitik eskalierte. Erst 1990 erlangte Namibia nach Jahrzehnten der Fremdherrschaft die Unabhängigkeit und ist seitdem eine funktionierende Demokratie, die mit den Schwierigkeiten einer Befreiungsbewegung an der Macht und den Hypotheken aus der Kolonialzeit, die Wirtschaft und Gesellschaft bis heute belasten, umgehen muss. Henning Melbers kenntnisreicher Überblick lädt dazu ein, Namibia, das Land im Süden Afrikas, kennenzulernen.
Beck Paperback
Dieses Buch gehört zu der Reihe
»Beck Paperback« und umfasst derzeit etwa 189 Bände.